Pizza mit Pinselstrich – „Quattro Stagioni 2.0“ im Kulturhaus Wienhausen

Kunst Von Anke Schlicht | am Sa., 03.04.2021 - 08:58

WIENHAUSEN. Der eine rakelt, der andere spottet, die Dritte im Bunde kommentiert in Öl auf Leinwand und die Vierte des Quartetts spinnt Netzwerke in Acryl und Tusche – und alle zusammen schaffen sie ein Gesamtkunstwerk namens „Quattro Stagioni 2.0“.

Udo Strohmeyer, Horst G. Brune, Ilsabé Prinzhorn und Heidrun Pfalzgraf stellen ab Ostern im Kulturhaus Wienhausen aus, natürlich aufgrund des alles beherrschenden Virus nur digital. Wer Ironie und Satire, manchmal ein kleines Augenzwinkern, das dem Eindringling in den täglichen Debatten ein wenig den Schrecken nimmt, vermisst, der findet den humorvollen Corona-Blickwinkel in den quietschbunten Acrylbildern und Zeichnungen von Horst G. Brune. Da wird eine Unterhose zum Mundschutz, geküsst wird Maske auf Maske und selbst der Bademeister ins Homeoffice geschickt. „Bildende Kunst hat die Aufgabe, die Zeit kritisch zu betrachten“, lautet ein Statement des Celler Künstlers mit Atelier in der City, „und ich versuche das überwiegend satirisch.“

Was sich dem Betrachter im Kulturhaus Wienhausen präsentiert ist ausgereift, alle Vier sind Mitglieder des Bundes Bildender Künstler Celle. „Ich schaffe permanent und ständig“, sagt die Organisatorin Heidrun Pfalzgraf über sich. Während bei den beiden Realisten, Horst G. Brune und Ilsabé Prinzhorn, Covid mit von der Partie ist, verzichten die beiden Abstrakten, Udo Strohmeyer und Heidrun Pfalzgraf, auf den zeitgenössischen Aspekt. „Ich blende in meinem Atelier die Umwelt aus, höre Musik und lasse meine Phantasie spielen“, berichtet die Absolventin der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig über ihre Arbeitsweise. Malerei, Zeichnung und Objekt sind die drei Komponenten ihrer Kunst. Kostproben aller drei Spielarten erwarten die Besucher der Schau, die anschließt an eine viel beachtete Ausstellung in der Gotischen Halle vor einem Jahr, seinerzeit noch ohne den Zusatz 2.0. Er spielt an auf die Neuauflage, könnte jedoch auch als Fingerzeig auf das Werk von Heidrun Pfalzgraf gelesen werden. Netzwerke sind in aller Munde, genetzwerkt wird per Video, mit Headset oder ohne, online oder einfach nur per Telefon. Überwiegend in schwarz spinnt die Künstlerin Fäden, entführt in labyrinthartige Bilderwelten, die nicht greifbar sind wie die virtuelle Welt des allumfassenden Internets.

Udo Strohmeyer setzt in gewisser Weise den Gegenpol. Plakativ, durchgängig farbig, voller Licht und Helligkeit präsentieren sich seine Werke, auf denen er mittels der Rakel-Technik eine Öl-Farbschicht nach der anderen aufträgt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem der Künstler spürt, jetzt ist das Bild da. Als „freies Malen aus dem Gefühl“ beschreibt Strohmeyer seine Herangehensweise. „Ich fange an und weiß nicht, was ich mache.“ Er hat seinen Stil verändert. „In meinen früheren Bildern wollte ich den Betrachter durch die Leuchtkraft der Farbe berühren“, sagt er. Explosionsartig wendeten sich die kontrastreichen Motive dem Schauenden zu, das Extrovertierte ist nun dem Blick nach innen gewichen. Immer noch farbig und flächig, aber zurückgenommener, fast harmonisch zeigen sich die auf Leinwand gebannten Welten aus Licht und Farbe mit Zwischentönen dem Besucher.

In unmittelbarer Nachbarschaft findet dieser die gleichen Elemente, allerdings in völlig anderer Darstellung. Ilsabé Prinzhorn widmet sich gesellschaftlichen und politischen Themen. „Ich teile Gedanken mit, das, was mich bewegt“, sagt die junge Künstlerin. Eine Schau, die an Ostern startet, braucht ein Osterbild. Und dieses liefert Prinzhorn. Ein Feld voller Narzissen, ein Motiv der Kunstgeschichte, wie sie erläutert. Doch der Betrachter benötigt das Wissen um die Historie nicht, so viel Stoff für Assoziationen liefert der kleine niedliche Junge mit Pausbäckchen auf gelb-grüner, sonnenbeschienener Wiese, die kleinen dicklichen Beinchen münden in weißen Sandalen, dazu Shorts und T-Shirt. Ein drolliges Kindermotiv, das Prinzhorn bricht, erfreut der Kleine sich doch nicht an der Natur um ihn herum, begibt sich eventuell auf die Suche nach Ostereiern, nein, er filmt oder fotografiert sich mit dem Selfiestick in der Hand. „Me, me, me“ hat Ilsabé Prinzhorn das Bild genannt. Sie kommentiert nicht nur meisterlich, indem sie in Öl auf Leinwand bannt, ihre Malweise erinnert zudem durchaus an Werke alter Meister der Romantik, nicht ohne deren Erhabenheit zu erden und zu versetzen in unsere Gegenwart.

„Quattro Stagioni 2.0“ – sehr sehenswert und anzuschauen in 3D unter: https://my.matterport.com/show/?m=w3p8kjHrQ8o

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