HANNOVER/CELLE. Journalisten der NDR Sendung „Panorama – die Reporter“ haben zwölf Gewässerproben aus Niedersachsen auf antibiotikaresistente Keime untersuchen lassen. Überall seien sie fündig geworden, aus Bächen, Flüssen und an zwei Badeseen, dem Zwischenahner Meer und der Thülsfelder Talsperre.

„Das ist wirklich alarmierend“, wird der Antibiotika-Experte Dr. Tim Eckmanns vom Robert-Koch-Institut zitiert. „Die Erreger sind anscheinend in der Umwelt angekommen und das in einem Ausmaß, das mich überrascht.“ Wie stark Gewässer belastet sind, sei allerdings weitgehend unbekannt, da es bislang keine systematischen Kontrollen auf solche Erreger gebe.

Der BUND erklärt dazu, unzensiert und unkommentiert: „Der NDR hat gestern darüber berichtet, dass sich in allen 12 Gewässerproben aus Niedersachsen in Regionen mit intensiver Tierhaltung und am Ausfluss von Kläranlagen multiresistente Erreger fanden. Die Untersuchung bestätigt ein riesiges Gesundheitsproblem, auf das der BUND seit Jahren hinweist: Der massive Einsatz von Antibiotika, auch von Reserve-Antibiotika, in der Massentierhaltung führen zu einer Verbreitung gefährlicher Keime in Bächen, Flüssen und Badeseen, gegen die viele Antibiotika nicht mehr wirken. Dies wird als Hauptquelle der Keime aus häuslichen Abwässern und Krankenhäusern gesehen. Der BUND fordert die niedersächsische Landesregierung zum Schutz der Bevölkerung zu sofortigem Handeln auf.

In Niedersachsen gibt es unzählige Tierhaltungsanlagen mit zehntausenden Tieren – ein idealer Nährboden für Krankheiten und Infekte, die dauerhaft mit Medikamenten wie Antibiotika therapiert werden. Über Gülle und Hühnerkot, der auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht wird, gelangen multiresistente Keime in die Gewässer. Ebenso über die Abwässer von Schlachthöfen, Krankenhäusern und privaten Haushalten, da Kläranlagen nicht über ausreichende Reinigungsstufen verfügen, um multiresistente Keime vor Einleitung in Fließgewässer herauszufiltern. „Der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung und der übermäßige Einsatz in der Humanmedizin bedeutet eine große Gefahr für unsere Gesundheit und die Umwelt“, sagt BUND-Agrarexperte Tilman Uhlenhaut. Jahr für Jahr sterben bis zu 15.000 Menschen in Deutschland an antibiotikaresistenten Keimen, rund eine halbe Million Patienten infizieren sich damit. „Es ist skandalös, dass die niedersächsische Landesregierung das Problem versucht zu verharmlosen. Zwar hat es in den vergangenen Jahren deutliche Reduzierungen beim Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung gegeben, allerdings nahm der Einsatz von Reserveantibiotika sogar zu“, so Uhlenhaut.

Problematisch sind vor allem Geflügelmastanlagen, in denen aufgrund der schlechten Haltungsbedingungen oft routinemäßig Reserve-Antibiotika wie Colistin eingesetzt werden, eigentlich ein Notfallmedikament für Menschen. „Geflügelfleisch aus Supermärkten und Discountern ist daher in der Vergangenheit häufig mit antibiotika-resistenten Keimen belastet gewesen“, so Uhlenhaut. Der BUND fordert deshalb mehr Tierschutz und den Ausstieg aus der Massentierhaltung, um den Eintrag aus der Landwirtschaft zu reduzieren. „Die Landesregierung muss umgehend flächendeckend Gewässer in Niedersachsen auf ihre Keimbelastung hin untersuchen und ein Monitoring aufbauen, um Bürger*innen vor multiresistenten, gesundheitsgefährdenden Keimen zu schützen und Transparenz über die wahren Verhältnisse zu schaffen“, fordert Uhlenhaut. Hier und dort Badeseen zu untersu-chen, reiche bei weitem nicht aus. „Und wir müssen an der Ursache arbeiten, so muss der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung dringend weiter reduziert, der von Reserve-Antibiotika wie Colistin gänzlich verboten werden – zum Schutz von Tier und Mensch.“

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies erklärt auf Nachfrage von CelleHeute, unzensiert und unkommentiert: „Wir nehmen das Thema ernst und wir können nachvollziehen, dass sich die Menschen sorgen, wenn plötzlich solche Messergebnisse vorliegen. Aber wir sollten hier Ruhe bewahren. Badegewässer werden regelmäßig von den Gesundheitsämtern auf Keime untersucht und werden, sofern erforderlich auch für den Badebetrieb gesperrt. Das Risiko also für den Menschen, sich beim Baden in offiziell überwachten Badegewässern mit antibiotikaresistenten Erregern zu infizieren, ist sehr gering. Fließgewässer werden z.Zt. noch nicht nach antibiotikaresistenten Keimen untersucht. Da sind wir aber keine Ausnahme, sondern folgen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie und der EU-Regelung zum Thema Oberflächengewässer. Und auch die niedersächsischen Kläranlagen erfüllen die derzeit bestehenden gesetzlichen Vorgaben. Allerdings werden wir jetzt die Ergebnisse des NDR durch das NLWKN genau überprüfen lassen und einer genauen Analyse unterziehen, um gegebenenfalls weitere Schritte zu unternehmen.“

Zum Hintergrund (Angaben Nds. Umweltministerium):
Es gibt keine keimfreie Umwelt und durch Wildtiere sowie Vögel können jederzeit und an jedem Fluss oder Bach Fäkalkeime eingetragen werden. Zum Teil können dann auch resistente Keime darunter sein. Die Bedeutung bzw. das für den Normalgesunden oder auch Kinder wird nicht als relevant eingeschätzt, wenn Hygieneregeln des täglichen Lebens eingehalten werden.

Dazu zählen das Händewaschen nach Garten- und Freilandaktivitäten ebenso wie z.B. nur die amtlich überwachten EU-Badegewässer zum regelmäßigen Badebesuch zu benutzten. Menschen mit bekannten Hauterkrankungen oder offenen Wunden haben immer ein erhöhtes Infektionsrisiko und sollten daher grundsätzlich diese nicht mit Erde oder Umweltgewässern in Kontakt bringen.
Diese Regeln dienen der Prävention und Risikominimierung einer Infektion – sei es nun durch sensible oder resistente Erreger.

Generell sind wir der Auffassung, dass Maßnahmen zur Reduzierung von antibiotikaresistenten Keimen in der Umwelt vorrangig an der Quelle durchzuführen sind, d.h. wir müssen klären, was sind die Ursachen und dort müssen dann entsprechende Vorkehrungen vorgenommen werden. Dazu gibt es im Land Niedersachsen schon seit vielen Jahren einen interministeriellen Arbeitskreis (MS, ML und MU), der sich genau mit diesen Fragen beschäftigt. Die Federführung liegt beim MS. Infos dazu:
www.antibiotikastrategie.niedersachsen.de<http://www.antibiotikastrategie.niedersachsen.de>

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