UNTERLÜSS. Über 70 Organisationen hatten den Aufruf unterschrieben, an einem Protestcamp gegen Rüstungsexporte der Firma Rheinmetall teilzunehmen. Organisiert sind sie nach eigenen Angaben u.a. in der Anti-Atomkraft-Bewegung, der Initiative für ein Biosphärengebiet Hohe Heidemark, der Initiative „Gemeinsam kämpfen“, der kurdischen Bewegung, Tierrechtsbewegung, Antirassismus und internationalistischen Zusammenhängen. Als Gemeinsamkeit habe sich herausgestellt, dass alle eine Alternative zum Kapitalismus suchen und sich für eine ökologische und basisdemokratische Welt einsetzen wollen. Am Freitagabend stellten sich Teilnehmer des Camps auf dem gemeinsamen Plenum vor. Sie kommen aus Frankfurt,  dem Wendland, aus Berlin, Hamburg, und vielen anderen Orten. Am Sonnabendmorgen ging eine Gruppe ins Dorf, um Flugblätter zu verteilen und Dorfbewohner zum Camp einzuladen. Vor zwei Supermärkten wurden kurze Redebeiträge gehalten und Friedenslieder gesungen.

Im weiteren Tagesverlauf fand eine Gedenkveranstaltung statt, mit der die Demonstranten auf das weitgehend vergessene Arbeitslager in Altensothriet, aufmerksam machen wollten. Hierzu berichten die Veranstalter: „Der Tannenberg in Altensothriet, dem nächsten Ort hinter dem Rüstungsstandort Unterlüß, ist ein vergessender Ort. Ein idyllischer Waldpfad zieht sich hier durch das Unterholz der Gemeinde Südheide. Wer hier genauer hinblickt, entdeckt an einer Lichtung, tief im Waldboden unter dem Moos, die Mauerreste des ehemaligen Zwangsarbeitslagers. Fünf Baracken und eine Versorgungseinrichtung sowie Appellplatz umfasste das Arbeitslager Tannenberg, ein Außenlager des Konzentrationslager Bergen-Belsen für jüdische Zwangsarbeiter*innen, die aus dem KZ Ausschwitz „selektiert“ und deportiert worden waren. Aus Ungarn verschleppt mussten hier ungefähr 900 jüdische Frauen Zwangsarbeit leisten. Kranke und Schwache wurden direkt nach Bergen-Belsen deportiert und ermordet.

Die Moore und Heiden im Landkreis Celle sind seit 100 Jahren Terrain für die Produktion von Rüstungsgütern. Verwaltet und durchgesetzt durch die SS, erfolgte hier  Munitionsherstellung, Straßenbau und die Produktion ziviler Güter für die Firma Rheinmetall-Borsig. Die nahende Befreiung des Lagers, am 13.04.1945, beförderte die Angst der Verantwortlichen und somit auch der mitwissenden Bevölkerung. Noch am Tag der Befreiung und dem Abzug der SS-Einheiten wurde die Zivilbevölkerung ‚aktiv‘. Der ‚Volkssturm‘ verschleppte die verbliebenen Überlebenden aus eigener Motivation in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Niemand sollte etwas vom Lager hinterm Tannenberg erfahren. Insgesamt beschäftigte Rheinmetall 5000 Zwangsarbeiter*innen während des Hitler-Faschismus. Auch heute ist der Konzern noch groß im Geschäft. Das Geschäft mit dem Tod ist nicht nur für die Aktiengesellschaft aktueller denn je.

Mehr als 100 Menschen beteiligten sich an der Gendenkveranstaltung, errichten eine Gedenktafel aus Holz und legen Blumen ab. ‚Es ist beschämend, dass es immer noch kein würdiges Gedenken gibt‘, so der Heimatforscher Hendrik Altmann, der die Aktion unterstützte und viele Details und Fakten zum Lager recherchierte und im Internet zur Verfügung stellt. Er versucht seit langem zu erreichen, dass ein Gedenkstein für die Zwangsarbeiterinnen errichtet wird. ‚Die Aufarbeitung muss endlich beginnen‘, kommentiert Klaus Jordan, Mitbegründer des Netzwerks Südheide gegen Rechtsextremismus. Er las einige Zeilen aus „Vogel im Flug, die Geschichte einer Überlebenden“, von Edith Balas.

Auf Nachfrage, wie die Rheinmetall AG sich heute mit der Verantwortung auseinandersetzt, antwortete er: „Eine Auseinandersetzung gibt es nicht“ und verweist zugleich auf die unausgewerteten Zwangsarbeiter*innenprotokolle aus Ungarn. Das Rheinmetall Archiv wurde erst ab dem Jahre 1956 offen gelegt. Die Verbrechen der Rüstungsfirma in der Nazizeit werden unter den Teppich gekehrt. Die Aktionäre von heute erzielen ihre Gewinne auch aus dem Erbe der jüdischen Zwangsarbeiterinnen. Niemand wurde zur Rechenschaft gezogen“, so Jordan.

Auf dem Rückweg von der Gedenkstätte hängten die Teilnehmer*innen mehr als hundert pinkfarbende „X“e an den Zaun des Rheinmetallwerkes. Sie sollen bedeuten: ‚Krieg beginnt hier. Der Tod, den Rheinmetall bringt, zieht eine Spur vom Kaiserreich, über die Nationalsozialisten bis nach Kurdistan‘.“

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