Run auf „Neues Bauen“ – Otto-Haesler-Museum verzeichnet Besucherrekord

Kultur + Gesellschaft Von Redaktion | am Do., 08.08.2019 - 20:36

CELLE. 3sat, der NDR, das „heute journal“ – alle waren sie da, und weiterer hochrangiger Besuch steht im wahrsten Sinne des Wortes ins Haus. Noch für den August hat sich die Präsidentin des niedersächsischen Landtags angekündigt. „Celle war ein Hot Spot des Neuen Bauens“, sagt Stadtbaurat und Vorsitzender der Otto-Haesler-Stiftung Ulrich Kinder. Und im laufenden Jahr – anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der „Bauhaus“-Gründung – hat sich die Residenzstadt zu einem Magneten für alle am „Neuen Bauen“ Interessierten entwickelt. Das Otto-Haesler-Museum verzeichnet Besucherrekorde.
„Diese Räume haben sich deutlich verändert, ohne dass der Charme verloren gegangen wäre“, nimmt Kinder inmitten von nostalgischen Utensilien, die vom Waschbrett bis zum Nierentisch reichen, Bezug auf die Anfang Mai beendete Modernisierung des Museums in der von Haesler entworfenen Siedlung „Blumläger Feld“. Am 11. Mai wurde das aus drei Bereichen bestehende Ausstellungsgelände, das laut Stadtbaurat eine Mischung aus Historie und Zeitkolorit darstellt, die auch mithilfe von modernen interaktiven Medienstationen erfahrbar gemacht wird, wiedereröffnet. Seitdem fanden sich 1.600 Gäste ein, pro Tag sind das mehr als 50 Personen, die eine bis anderthalb Stunden verweilen sowohl in der zentralen Halle als auch in der Musterwohnung. „Sechzig Prozent der Gäste kommen von auswärts, viele sind gut informiert“, erläutert der Geschäftsführer der Otto-Haesler-Stiftung, Rudolf Becker. Mit einem solchen Ansturm hat keiner der Verantwortlichen gerechnet.

Über welch ein Juwel die Herzogstadt abseits von Fachwerk, Barock und Altstadt verfügt, wird deutlich anhand einer Aussage des berühmten amerikanischen Architekten Philip Johnson aus dem Jahr 1932: „Otto Haesler ist der bedeutendste Siedlungsarchitekt in Deutschland, vielleicht in der Welt.“ Und er war, obwohl er kein gebürtiger Celler war, eine lokale Persönlichkeit aufgrund seines Charakters und seines Wirkens. Immer hatte er Pläne im Kopf und trug stets solche unter dem Arm. Der Architekt war ehrgeizig, sehr begabt und arbeitswütig. „Ein Alphamann eben“, sagt Becker. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere in Celle beabsichtigte er sogar, sich ein Flugzeug zuzulegen.

Seine bis zum Rand gefüllten Auftragsbücher führten ihn nach Berlin, München, Karlsruhe und Kassel, in seinem Büro arbeiteten 20 Fachleute. „Er wird wohl absagen“, prognostizierte „Bauhaus“-Gründer, Walter Gropius, als der Posten des Leiters der renommierten Lehranstalt, die Weltgeltung erlangte, zur Nachbesetzung anstand. Das Schreiben, in dem Haesler das Angebot zurückwies, hängt im Original im Museum. „Das hohe Arbeitsaufkommen war sicher nicht der einzige Grund, weshalb er die Offerte ebenso wie eine andere aus Frankfurt ablehnte“, erläutert der Stiftungsvorsitzende Kinder, „dieser Mann wollte bauen, nicht lehren.“

Und diese Intention stellte er trotz seines eigenen großbürgerlichen Lebensstils und ebensolcher architektonischer Zeugnisse auch in den Dienst der Menschen, die auf der sozialen Leiter unten angesiedelt waren. Wie ausgereift, kreativ und dennoch praktisch und preiswert Otto Haesler seine Ideen umsetzte, um Arbeiterwohnungen mit viel Licht, Luft und Sonne zu schaffen, erfahren die Besucher im Museum. Der Vorbildcharakter der Siedlung „Blumläger Feld“ ist ablesbar an der Absicht der Kuratoren der niedersächsischen Ausstellung zum Neuen Bauen: „Die Küche aus dieser Musterwohnung wird zum Mittelpunkt der Landesschau werden“, erläutert Kinder nicht ohne Stolz, bevor er zurückkommt auf die Besucherrekorde: „Wir sind davon ein bisschen überrannt worden“, sagt er und weist nachdrücklich darauf hin, dass die Arbeit im Museum ausschließlich ehrenamtlich ausgeführt wird. Für jede helfende Hand sind die Mitglieder sowie der Stadtbaurat dankbar. Wer Lust hat mitzuwirken, wendet sich an:
Otto-Haesler-Stiftung
Rudolf Becker
Telefon: 05141-217 487
E-Mail: info@haeslerstiftung.de

Text: Anke Schlicht