"Sanierungsoffensive Celle ohne Personal?" Celler Bauherren frustriert

Wirtschaft Von Redaktion | am So., 24.02.2019 - 21:35

CELLE. „Neue Wege gehen, um alte, langwierige Projekte endlich zu Finalisieren und die Stadtentwicklung proaktiv voranzubringen, das hat sich Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge seit zwei Jahren auf die Fahnen geschrieben. Nach Nordwall, Ratsherrenparkplatz, Allerinsel & Co. soll jetzt [...] die ‚Goldene Sonne‘ im neuen Glanz erstrahlen.“ So heißt es vielversprechend in einer PR-Mitteilung der Stadt Celle. Aussagen, über die Celler Architekten und Bauherren derzeit nur resigniert lächeln können.

„Erster Eindruck für Gäste: Geisterstadt Celle“

Im Fachbereich Bauen und Denkmalpflege verschwindet Personal. Zwei Mitarbeiterinnen gehen nach Hannover, weil sie dort offenbar besser verdienen. Der für die Innenstadt zuständige Ansprechpartner fehle bis April 2019. „Eine Katastrophe für Bauherrn und Leute, die in Celle etwas machen wollen“, beklagt ein Architekt, der namentlich nicht genannt werden möchte. Ironisch findet er die Aufzählung ausgerechnet mit Nordwall oder Allerinsel. Bereits für das vergangene Jahr sei nach Nigges exklusiven PR-Aufschlag in der CZ der Nordwall-Umbau zugesichert worden, „das Rio’s steht aber immer noch.“

Gäste, die durch Celle fahren, nehmen die Innenstadt als durchgehenden Leerstand wahr. Seit anderthalb Jahren ist nahezu der gesamte Nordwall eine Geisterstadt ohne jeden Hinweis, dass hier etwas Neues entstehen soll. 

Auch im Bereich der Städtebauförderung stockt es. Dort habe im vergangenen Jahr das komplette Personal gewechselt. Fünf Stellen waren offen und konnten bisher nur mit zwei Vollzeit- und einer Halbtagskraft wieder besetzt werden.

„Alle sind da aufgescheucht und wir bekommen in den Architekturbüros den ganzen Unmut der Bauherren doppelt ab, weil uns niemand glaubt, dass die Situation gerade so ist, wie sie ist“, weiß der Architekt.

„Die Vertretung der Vertretung der Vertretung“

„Ich bin einfach verzweifelt, weil wir hier nichts anderes machen können und quasi vor dem überforderten und nur extrem langsam handlungsfähigen Fachbereich Bauen und Denkmalpflege stehen.“ Der Architekt zeigt auch Verständnis für die Behörde: „Die Bearbeiter kann ich in Teilen verstehen. Der derzeitige Sachbearbeiter ist die Vertretung der Vertretung der Vertretung und kämpft sich mühsam durch. Ich habe schon Bauherren verloren, die sich aus Celle zurückziehen, weil hier alles so langsam ist. 

Umso unverständlicher, dass Celles OB Dr. Nigge verkündet, er wolle eine Sanierungsoffensive starten (CELLEHEUTE berichtete). Mit wem denn? Die Verwaltung schickt die Bauherrn zu uns und wir sollen das ‚regeln‘, aber wie?“



„Verständnis für Personalnot - aber dann soll man nichts anderes versprechen“

Auch in der Städtebauförderung sei das Personal komplett ausgetauscht worden bzw. in der Denkmalpflege die zuständige Mitarbeiterin in Elternzeit. Also muss ihr Kollege „mal eben zwei Jahre lang Innenstadt und Stadt zusammen als Denkmalpfleger machen.“ Das sei überbrückbar, aber „es wird auch wieder langsamer“, ist der Architekt überzeugt.

Anstelle intern Lösungen zu suchen, versucht die Stadt ihre Zusage nach einer zügigen Bearbeitung von maximal drei Monaten zu rechtfertigen, indem sie die Schuld einfach auf die Antragsteller abschiebt. Öffentlich „ermahnt“ sie Antragsteller in einem Aushang (siehe Foto) dass diese nur bearbeitet werden könnten, wenn alle Formalitäten korrekt erfüllt seien. „Damit stellt sie uns jahrelang tätigen und ausgebildete Architekten pauschal als unfähig hin.“

"Wir haben einen hohen Krankenstand"

Auf Nachfrage von CELLEHEUTE räumt die Sprecherin der Stadt, Myriam Meißner, ein: "Im Baubereich haben wir derzeit, wie andere Firmen, Unternehmen u.a. auch, einen hohen Krankenstand. Die Grippewelle hat auch uns überrollt, hinzu kommen Schwangerschaften etc.. Und dann ist da noch die Personalfluktuation, wie sie jede Bauverwaltung erlebt. Doch die Auswahlgespräche zu den Stellen laufen bereits und wir sind von daher zuversichtlich, in den nächsten Monaten wieder komplett zu sein.

Trotzdem gelingt es uns derzeit, die gegebenen Fristen zur Bearbeitung zum größten Teil einhalten zu können. Im Übrigen können die 'anonymen Architekten' auch gerne in persönlichen Kontakt mit uns treten. So lassen sich eventuelle Missverständnisse auch besser und professioneller ausräumen." Doch genau diese Professionalität vermissen die Bauherren: "Wenn wir nicht schon alles versucht hätten, würden wir es nicht öffentlich machen - wir wollen schließlich gut mit der Stadt arbeiten."

Trotz dieser Zustände zeigt der Architekt Verständnis für die Verwaltung: „Ob Fachkräftemangel oder Krankheiten, das betrifft uns alle und macht auch vorm Rathaus nicht Halt. Auch wir suchen ständig gute Mitarbeiter. Aber dann darf die Verwaltung sich nicht hinstellen und behaupten, dass ein Bauantrag nur drei Monate dauere - das stimmt so einfach nicht.“

https://celleheute.de/areal-rund-um-goldene-sonne-in-celles-altstadt-soll-gruenes-hofquartier-werden/