*2. Aktualisierung* "Schwarzer Block" belastet friedliche Demo in Eschede

Polizei + Feuerwehr Von Redaktion | am So., 09.05.2021 - 13:10

ESCHEDE. Rund 100 Teilnehmende des "schwarzen Blocks" der sogenannten „Lüneburger Antifa Crew“ sorgten gestern in Eschede auf einer weitgehend friedlichen Demo für einen verstärkten Polizeieinsatz. Bei der angemeldeten Demonstration gegen das NPD-Zentrum, dem Hof Nahtz, waren laut Polizeiangaben insgesamt 400 Teilnehmer und damit mehr als erwartet. 

Unter dem Motto „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ zum Jahrestag des Kriegendes protestierte das Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus und das Celler Netzwerk gegen Antisemitismus, zunächst friedlich. 

Nach ersten Erkenntnissen hätten sich dann die Demonstranten vom lautstarken Abspielen aller drei Strophen der Nationalhymne in einer Dauerschleife auf dem Hof des NPD Zentrum provoziert gefühlt. Eine Antifa-Gruppe blieb aus Protest vor dem Hof stehen und wollte sich trotz polizeilicher Aufforderung nicht weiterbewegen. Dabei kam es nach Polizeiangaben zu Rangeleien seitens Linksextremer, auch gegenüber Polizisten. Die Polizei forderte umgehend Verstärkung an und leitete nach ersten Angaben fünf Ermittlungsverfahren ein. Anders als von den Teilnehmenden behauptet ist die umstrittene erste Strophe offiziell nicht verboten. 

*Die Polizei berichtet heute (10.5.) über den Ablauf der Veranstaltung: 

Am vergangenen Samstag, 08.05.2021, hatte das Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus anlässlich des Endes des zweiten Weltkrieges zu einer Versammlung zum Thema "Weg von der Befreiung 1945 in die Gegenwart" aufgerufen. Die Versammlung war für die Zeit von 14.00 bis 16.00 Uhr angekündigt. Geplant war eine kurze Kundgebung mit anschließendem Aufzug zum ehemaligen Hof Finkenberg, der sich im Besitz der NPD befindet.

Nach der Rückkehr zum Auftaktort im Bereich der Straßen Zum Finkenberg / Im Dornbusch / L 281 sollte eine kurze Abschlusskundgebung erfolgen. Neben ca. 280 friedlichen Versammlungsteilnehmern zählte die Polizei etwa 100 Personen, die der Antifa-Szene aus den Bereichen Lüneburg, Hamburg und Hannover zuzuordnen sind. Dieser Personenkreis trat als geschlossener "Schwarzer Block" auf, hielt Abstand zum Aufzug des Netzwerkes Südheide und wurde durch die Polizei begleitet, um mögliche Straftaten zu verhindern.

Aus dem Block warfen Personen sogenannte Bengalos und zündeten Feuerwerkskörper, teilweise auch gegen eingesetzte Polizeibeamte. Zum Glück wurde niemand verletzt. Durch das konsequente Einschreiten der Polizei konnten die gewaltbereiten Personen aus dem "Schwarzen Block" bis zum Ende der Versammlung unter Kontrolle gehalten werden, bevor sie durchgehend ohne weitere Zwischenfälle zum Bahnhof begleitet wurden. Die Polizei leitete fünf Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruchs ein. Die Ermittlungen dauern an."

Die uns vorliegenden Redebeiträge, unzensiert und unkommentiert - Reihenfolge nach Posteinang:

Wilfried Manneke, Netzwerk Südheide gegen Rechts

Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,
am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Sechs Jahre Krieg und mehr als 60 Millionen Tote. Als am 8. Mai 1945, um 23.01 Uhr, die bedingungslose Kapitulation in Kraft trat, endete der NS-Terror endgültig. Deshalb wird der 8. Mai auch "Tag der Befreiung" genannt.

Bis heute bemühen sich Rechtsextreme, den 8. Mai für sich zu vereinnahmen. Bereits seit den 50er Jahren versuchen sie, den Nationalsozialismus zu rehabilitieren. Sie bestreiten die kriegstreibende, kriegsauslösende und Krieg führende Politik des NS- Regimes. Sie leugnen die Schuld der Regierung Adolf Hitlers am Zweiten Weltkrieg. Die Zeit des Nationalsozialismus wird von ihnen als “tugendhafter und ehrenvoller Zeitabschnitt” dargestellt.

Versuche, die deutsche Kriegsschuld zu relativieren, finden auch in der Neuen Rechten Zustimmung. Der 8. Mai ist zwar auch für sie ein historisches Datum. Allerdings interpretieren sie ihn nicht als „Tag der Befreiung“, sondern als „Tag der Schande“.

Deshalb marschieren regelmäßig am 8. Mai Rechtsextreme in Demmin auf. Demmin ist eine Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, 40 km von Greifswald entfernt. In Demmin brachten sich Anfang Mai 1945 zwischen 500 und 1000 Menschen um – aus Angst, der Roten Armee in die Hände zu fallen.

Rechtsextreme versuchen bis heute, das erlebte und erlittene Schicksal in Demmin für ihre Zwecke zu missbrauchen. Das darf auf keinen Fall geduldet werden. Deshalb gibt es bei jedem Aufmarsch der extremen Rechten in Demmin eine große Gegendemonstration. Beim letzten Aufmarsch standen 200 Neonazis 600 Demonstranten gegenüber; ein Aktionsbündnis aus Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Vereinen.

Ein weiteres Beispiel, wie Rechtsextreme versuchen, den NS-Staat als unschuldiges Opfer des Zweiten Weltkrieges darzustellen, sind ihre sogenannten Trauermärsche.

In Wunsiedel, in Bayern, befand sich das Grab von Rudolf Heß. Es wurde zu einem Wallfahrtsort für Neonazis. Sie legten dort Kränze nieder für den Mann, den Adolf Hitler einst zu seinem Stellvertreter ernannt hatte. Sie hoben den Arm zum Hitlergruß für den Nationalsozialisten, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Kriegsverbrechergefängnis Spandau eingesessen hatte - bis zu seinem Suizid 1987. Nach seinem Tod pilgerten Neonazis mehrmals im Jahr zum Grab von Rudolf Hess und demonstrierten ihre rechtsextreme Gesinnung. Erst 2011 fand der Spuk ein Ende, als das Grab aufgelöst wurde. Die sterblichen Überreste wurden exhumiert und auf offener See bestattet.

Die Rechtsextremen hatten aber inzwischen schon einen neuen Wallfahrtsort: Bad Nenndorf. Von 2006 - 2017 marschierten sie regelmäßig am ersten Samstag im August durch die Stadt. Mit ihrem "Trauermarsch" wollten sie daran erinnern, dass im Wincklerbad NS-Schergen und mutmaßliche Kriegsverbrecher von britischen Besatzern gefoltert und misshandelt worden sind.

Wir wollen die Geschehnisse in Bad Nenndorf, die sich von 1945 - 1947 dort zugetragen haben, überhaupt nicht verharmlosen. Jede Form von Folter oder Misshandlung ist zu ächten. Dass aber gerade Neonazis den Finger in die Wunde legen, ist ein Hohn. Wie kann eine Bewegung, die NS-Verbrechen aufs schlimmste verharmlost, als Anwalt auftreten?

Die Rechtsextremen versuchten durch ihre sog. Trauermärsche in Wunsiedel und Bad Nenndorf nichts anderes, als die Verbrechen der NS-Diktatur zu relativieren. In gleicher Weise nutzen sie bis heute den Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden. Auch in Dresden missbrauchen sie die verheerenden Ereignisse für ihre Zwecke. Sie prangern mit ihren „Gedenkmärschen“ die "Alliierten“ an und drehen die historischen Verantwortlichkeiten um. Mit ihren Aktionen versuchen sie eine deutsche „Opfertradition“ zu installieren, um von den eigentlichen Schuldigen abzulenken.

Rechtsextreme konstruieren eine Erinnerungskultur, die die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs in den Mittelpunkt rückt. Die wirkliche Ursache aber, die aggressive Expansions- und Vernichtungspolitik des nationalsozialistischen „Rassenstaates“, erwähnen sie nicht. Die deutsche Geschichte wird stattdessen als eine Verlust- und Leidensgeschichte interpretiert. Die heutige Erinnerungskultur der Bundesrepublik sei den Deutschen von den Siegermächten aufgezwungen worden, wird behauptet. Im Kern jedoch geht es den Rechtsextremen aber darum, die eigenen nationalistischen und rassistischen Politikvorstellungen zu legitimieren.

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,
der 8. Mai ist ein „Tag der Befreiung“. Er symbolisiert das Ende des Nationalsozialismus, der Millionen Menschen das Leben kostete. Rechtsextreme dagegen betrauern am 8. Mai die „totale Niederlage“. Sie gedenken ihrer „Heldinnen und Helden. Es sind in ihren Augen diejenigen, die in den bewaffneten Verbänden der Nazis für die Interessen des NS-Regimes gekämpft haben.

Wir dürfen die Geschichtsumdeutungen und Geschichtslügen der heutigen Nazis nicht unwidersprochen im Raum stehen lassen. Deshalb protestieren wir heute vorm Hof Nahtz, dem Zentrum der verfassungsfeindlichen und den Nationalsozialismus verherrlichenden NPD. Wir erinnern an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit seinen über 60 Millionen Toten. Dieser Krieg wurde von den Nazis entfacht.

Wir erinnern an Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Andersdenkende, die wegen der menschenverachtenden und faschistischen Ideologie des NS-Regime verfolgt und ermordet wurden. Deshalb wollen wir den heutigen Nazis weder hier in Eschede noch sonst wo Raum lassen. Wir stellen uns einer Partei in den Weg, deren Ideologie weitgehend identisch ist mit den Lehren des Nationalsozialismus.

"Nächstenliebe verlangt Klarheit!" Unter diesem Motto wendet sich die Evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus. Nächstenliebe verlangt Klarheit. Sie verlangt, dass wir klar hinsehen, klar reden und klar handeln. Wir können uns nicht vornehm heraushalten, wo wir rechtsextreme Meinungen hören. Wir müssen Stellung beziehen.

Ich schließe mit einem Zitat von KOFI ANNAN. Er war von 1997 bis 2006 Generalsekretär der Vereinten Nationen. Kofi Annan hat gesagt:

„Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“

Diana Gring, Gedenkstätte Bergen-Belsen

Kriegsende oder Kapitulation oder Stunde Null oder Tag der Befreiung ...
Die verschiedenen Begriffe, die den heutigen 8. Mai in der Öffentlichkeit begleiten, zeigen: Wir Deutschen haben bis heute ein kompliziertes Verhältnis zu diesem besonderen Tag.

Der 8. Mai 1945 war so viel mehr als nur das „Kriegsende“. Mehr als nur die militärische „Kapitulation“ der Wehrmacht. Von einer „Stunde Null“ kann man angesichts der Kontinuitäten kaum sprechen. Es gab so Einige, die immer noch Nazis waren und Nazis blieben. Die meisten Deutschen – sogar die regimekritischen und kriegsmüden - fühlten sich nicht be-freit. Sie fühlten sich be-siegt und be-schämt.

Der 8. Mai ist der Tag des Widersprüchlichen: Er war befreiende Niederlage und rettender Zusammenbruch. Die Alliierten hatten von Außen erzwungen, was von Innen nicht möglich gewesen war: eine „Befreiung“. Deutschland war befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Am 8. Mai 1945 lag nur 30 Kilometer von hier das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die Menschen dort waren schon drei Wochen früher, am 15. April, durch die britische Armee befreit worden.
Am 8. Mai waren mehr als 10.000 unbestattete Leichen bereits notdürftig in Massengräbern beigesetzt.

Am 8. Mai waren britische Soldaten noch dabei, etwa 29.000 Überlebende aus dem Hauptlager in ein Nothospital zu bringen und medizinisch zu versorgen.
Am 8. Mai war das Sterben in Bergen-Belsen noch nicht vorbei: Nur an diesem einen Tag starben 211 der befreiten Häftlinge an den Folgen der KZ-Haft.

Am 8. Mai schossen britische Soldaten in Bergen-Belsen Gewehrsalven in die Luft, als sich die Nachricht über das Kriegsende verbreitete, und ein Gedenkgottesdienst fand statt.

52.000 Frauen, Männer und Kinder kamen um im KZ Bergen-Belsen.

Am 8. Mai schrieb der geflüchtete Schriftsteller Alfred Kantorowicz in New York in sein Tagebuch: „Das also liegt hinter uns. Zwölf Jahre, die Verbrechen von tausend Jahren angehäuft haben.“

40 Jahre später, am 8. Mai 1985, hielt Bundespräsident Richard von Weizsäcker eine vielbeachtete Rede im Deutschen Bundestag. Er nannte den 8. Mai „Tag der Befreiung“. Und er sagte: „Wir dürfen den 8. Mai nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“
Dieser Hinweis war und ist unglaublich wichtig: Hitler und die NSDAP haben die Macht eben nicht gegen den Willen des deutschen Volkes „ergriffen“. Das Wort „Machtergreifung“ vernebelt die historischen Fakten.

Im November 1932 fanden die letzten freien Reichstagswahlen statt. Die NSDAP erhielt 33 Prozent der Wählerstimmen.
Die nächste Reichstagswahl im März 1933 stand schon unter dem Vorzeichen politischen Terrors. Die NSDAP wurde stärkste Partei mit 44 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei über 85 Prozent. Ende Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Für das Ermächtigungsgesetz benötigte die NSDAP im Reichstag eine 2/3 Mehrheit. Die Zustimmung der Parteien der „Mitte“ ermöglichte es.
Die nächsten Schritte: Auflösung des Reichstags, Verbot aller Parteien.

Dies macht deutlich: Die NSDAP verschaffte sich mit demokratischen Mitteln plus Terror auf den Straßen eine Machtposition. Sie bekam ein politisches Mandat von der Mehrheit der Bürger und Bürgerinnen. Hitler sicherte sich die alleinige Macht, den direkten Weg zur Diktatur, mit parlamentarischen Mitteln. Demokratiefeinde hatten die Mittel der Demokratie genutzt – um dann die Demokratie zu beseitigen.

Heute ist wieder ein 8. Mai. Und ich möchte vor aktuellen Demokratiefeinden warnen. Ich möchte keine zweite Weimarer Republik heraufbeschwören. Keine Konstruktion von historisch wackeligen Vergleichen zwischen damals und heute.
Aber wir müssen die Feinde unserer freiheitlich-demokratische Grundordnung erkennen und klar benennen – und „Nein!“ sagen:

Nein zu rassistischer und antisemitischer Hetze von Rechtspopulisten und rechten Parteien! Nein zu menschenverachtenden Ideologien jeder Art!
Nein zu Rechtsradikalen in unseren Parlamenten!
Nein zu immer aggressiveren Angriffen gegen Gedenkorte und Erinnerungskultur!

Und hier und jetzt: Nein zu einem NPD-Schulungszentrum in unserer Nachbarschaft!

Demokratiefeinde berufen sich oft auf „demokratische Spielregeln“.
Die Intoleranten fordern Toleranz ein.
Ja - unterschiedliche Meinungen und politische Standpunkte gehören zu einer offenen diversen Gesellschaft. Das kann unsere Demokratie aushalten.
Ja - wir können diskutieren, debattieren, streiten. Das kann unsere Demokratie aushalten.

Aber dies geht nur, wenn beide Seiten auf dem Boden unseres Grundgesetzes stehen. Wenn wir uns einig sind über Artikel 1 des Grundgesetzes. Über die Würde des Menschen und die Menschenrechte als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft.
Jede Bewegung, die sich dem nicht verpflichtet, die Ausgrenzung und Hass predigt, steht außerhalb eines demokratischen Diskurses.

Nein - die Intoleranten verdienen unsere Toleranz nicht.
Wir müssen unsere Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranten verteidigen. Sonst werden die Intoleranten früher oder später die Toleranz abschaffen.

„Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus“ ist das Motto heute. Seit dem 8. Mai 45 gab und gibt es unzählige Kriege und kriegerische Konflikte auf dieser Welt. Es gab und gibt Völkermorde gegen religiöse und ethnische Minderheiten. Es gab und gibt Länder mit tendenziell faschistoiden Strukturen. Ein Überlebender des KZ Bergen-Belsen sagte mal zu mir: „Diana, lass es uns nicht „Nie wieder“ nennen. Wir sagen ab jetzt: Nicht weiter so!“

Aus dem Lied „Sag nein“ von Konstantin Wecker Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
wieder Nazilieder johlen,
über Juden Witze machen,

über Menschenrechte lachen, wenn sie dann in lauten Tönen saufend ihrer Dummheit frönen, denn am Deutschen hinterm Tresen muss nun mal die Welt genesen, dann steh auf und misch dich ein: Sage nein!

Meistens rückt dann ein Herr Wichtig Die Geschichte wieder richtig
Faselt von der Auschwitzlüge
Leider kennt man‘s zur Genüge – mach Dich stark und misch dich ein, sage nein!

Ob als Penner oder Sänger,
Bänker oder Müßiggänger,
ob als Priester oder Lehrer,
Hausfrau oder Straßenkehrer,
ob Du sechs bist oder hundert,
sei nicht erschreckt, verwundert, sondern tobe, zürne, misch dich ein – Sage nein! –

Sage nein! – Sage nein!

 

Enno Stünkel, Celler Netzwerk gegen Antisemitismus
 

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

am 8. Mai 1945 endetet mit der Kapitulation Deutschlands die nationalsozialistische Herrschaft, es endete die Shoah, der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden.

Was 1945 nicht endete, war der Antisemitismus. Diese jahrhundertealte Obsession Europas hat sich nach 1945 in manchen Zügen verändert, das offene Bekenntnis zum Judenhass ist - wenigstens in der westlichen Welt - weitgehend tabuisiert und das führte und führt gelegentlich zu einer codierten und versteckten Ausdrucksweise, die zwar leicht zu verstehen, aber immer auch gut zu verleugnen ist. Antisemitismus ist dabei mehr als ein Vorurteil, oder eine besondere Form des Rassismus. Der verschwörungsideologische Antisemitismus ist eine Welterklärung, ein Modell, das die negativen Seiten der modernen Welt scheinbar erklärt. Die kulturellen und emotionalen Signale  des Antisemitismus finden immer noch und immer wieder Resonanz. Tatsächlich sehen wir seit Jahren eine eskalierende Entwicklung von antisemitischer Rede, von Propaganda und Gewalt.

Um dem zu widersprechen haben wir 2015 in Celle das Netzwerk gegen Antisemitismus gegründet. Zu den Gründerinnen und Gründern gehörten die Jüdische Gemeinde in Celle, die vhs und die Stadt Celle, vertreten durch das Stadtarchiv, die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der evangel.-luth. Kirchenkreis, aber auch überregional tätige Organisationen wie die Deutsch-Israelische Gesellschaft Hannover, der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Niedersachsen und die Zentralwohlfahrtsstelle beim Zentralrat der Juden in Deutschland. Für unsere Arbeit ist wichtig, dass jüdischen und nicht-jüdische Menschen zusammenarbeiten, dass die Perspektive derer, die von Antisemitismus unmittelbar bedroht sind, zusammenkommt mit der Einsicht, dass die Bekämpfung des Antisemitismus Aufgabe und Problem der Mehrheitsgesellschaft ist.

Unsere Arbeit besteht in Aufklärung. Wir wissen, dass die an Grenzen gerät. Der Antisemitismus ist - in der europäischen Geschichte - ein einziger Aufstand gegen die Aufklärung - und dabei waren auch die Aufklärer nicht frei von Antisemitismus. Sich mit dieser Tradition selbst-kritisch auseinanderzusetzen und den Blick zu schärfen für die heutigen Erscheinungen des Antisemitismus ist das, was wir in Veranstaltungen tun, vor allem aber mit unseren Bemühungen, die kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in den Bildungseinrichtungen, in den Schulen zu verankern.

Denn -  das zeigt die Forschung und wer sich gegen Antisemitismus engagiert, wird das immer wieder auch selbst erleben - die Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber Antisemitismus ist in unserer Gesellschaft beschädigt. Und die Thematisierung von Antisemitismus weckt immer auch Widerstand und Abwehr.  

Es fällt verhältnismäßig leicht, den Antisemitismus der NPD und anderer offen rechtsextremer Parteien zu erkennen zu benennen. Aber selbst das gelingt nicht immer - die Staatsanwaltschaft in Hannover hat das gezeigt, als sie sich zweimal außerstande sah, gegen die Plakate der ebenfalls rechtsextremen Partei "Die Rechte" vorzugehen, auf denen der Holocaust geleugnet wurde und auf denen es hieß: "Israel ist unser Unglück".

Und deswegen ist es wichtig, hier zu stehen und den Neonazis von der NPD zu zeigen, dass wir ihre Anwesenheit nicht akzeptieren, ihrer Propaganda keinen Raum geben und ihnen widersprechen. Die Neonazis haben im letzten Jahr auch anderes erlebt. Sie haben Erfolge erlebt, die sie nicht ihrer eigenen Kraft verdanken.

Sie waren auf großen und kleinen Demonstrationen willkommen, konnten unbehelligt ihre Symbole zeigen, sie konnten den Reden applaudieren oder auch selbst reden, sie konnten als gewaltbereite Avantgarde eines Bürgermobs Journalistinnen und Journalisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten angreifen und Polizeisperren durchbrechen. Reichsfahnen waren neben den Regenbogenfahnen und der Friedenstaube zu sehen und zehntausende jubelten in Berlin Verschwörungsideologen zu. Die Rede ist von den Querdenkern, den vorgeblichen Kritikern der Corona-Maßnahmen, den Pandemieleugnern.

Wir wissen, dass sich diese Szene nicht allein durch ihre Akzeptanz von offenen Neonazis, Reichsbürgerinnen und neurechten Aktivistinnen auszeichnete. Von Anfang an stellte die Bewegung falsche Bezüge zum Nationalsozialismus her, setzte sich mit den Verfolgten des NS-Terrors gleich und fantasierte sich in die Rolle von Widerstandskämpfern gegen die neue, die faschistische Corona-Diktatur. Am 1. Mai legten auch in Celle Angehörige dieser Szene weiße Rosen vor den Gerichten nieder - die Bezugnahme auf die Widerstandsgruppe der Weißen Rose war gewollt und alles andere als zufällig. Gerade die AfD hat diese geschichtsverfälschende Rhetorik dankbar aufgenommen. Auf dem Telegram-Kanal der hiesigen Pandemieleugner "Celle steht auf" war gerade von einem Nürnberg 2 die Rede, ein Prozess mithin gegen die Verantwortlichen für die Maßnahmen gegen die Pandemie, denn diese Maßnahmen sind die "schlimmsten Verbrechen gegen die Menschheit, die je begangen wurden."

Diese Holocaust-Relativierung geht einher mit offenem Antisemitismus. „Celle steht auf“ teilte Videos wie das der "Rothschild-Verschwörung", in der die wirklichen Herrscher der Welt mal wieder die Rothschilds seien, denen alle Banken der Welt, vor allem die staatlichen Zentralbanken, gehörten. Allein an diesem antisemitischen Mythos aus dem 19. Jahrhundert, den auch die Nationalsozialisten zur propagandistischen Begleitung der Vernichtung der europäischen Juden nutzten, ließe sich die Rückkehr des offenen, unverstellten Antisemitismus in den letzten Jahren zeigen. Lisa Fitz, Xavier Naidoo vertonen ihn, PEGIDA identifiziert den "langen Arm der Rothschilds". Gefährlich wird dieser antisemitische Mythos in der Verbindung mit den aktuellen Verschwörungserzählungen vom Großen Austausch, dem Great Reset und dem antisemitischen Kult von Q Anon. All das findet sich auch, immer noch und immer wieder, auf dem Kanal von „Celle steht auf“, und die Gruppe ist darin ein treues Abbild des Querdenken-Milieus.

Deswegen ist der Ort, von dem aus der Antisemitismus heute - am 8. Mai 2021 im Landkreis Celle - vor allem wirkt, nicht der Hof Nahtz. Es ist seit Februar der Große Plan in Celle, wo sich Sonnabend für Sonnabend "Celle steht auf" versammelt.

Was an der Querdenker-Bewegung beunruhigend ist, trifft auch hier zu: die Mehrheit von denen, die im Schulterschluss mit der AfD auf die Straße gehen, sind ja eben tatsächlich keine Neonazis - es sind Bürgerinnen und Bürger aus der viel beschworenen Mitte der Gesellschaft. Was dieses Milieu zusammenbringt, ist die Verschwörungsmentalität, der Glaube an eine geheime, satanisch-böse Macht, die zwar nahezu allmächtig, aber von denen, die "aufgewacht " sind, die zur "Wahrheitsbewegung" gehören, durchschaut werden kann. Was ist an diesem Wahn so verführerisch? Nichts, was etwas mit der Realität von Herrschaft und Wirtschaft zu tun hätte - verführerisch ist die Wiederholung des immer Gleichen. Der Antisemitismus ist das Stereotyp, das mit der modernen Verschwörungsideologie seit dem 19. Jahrhundert verbunden ist.  Verschwörungsideologien sind Container für Aggressionen. Der Antisemitismus bezieht seine zerstörerische Kraft aus der Geschichte der Verfolgung und der Gewalt. Nicht, weil die Rothschilds so mächtig wären, sondern weil die realen Jüdinnen und Juden angreifbar sind, behält der Antisemitismus seine Anziehungskraft. Man muss diesen Wahn unterbrechen. Und nicht erst, wenn er, wie in Halle oder Hanau, oder wie in den islamistischen Anschlägen, zu Gewalt wird.

Als wir auf den Antisemitismus bei Celle steht auf hingewiesen haben, haben die Verantwortlichen das Video "Die Rothschild-Verschwörung" entfernt und jede Verantwortung dafür weit von sich gewiesen. Und seitdem? Als könnten sie nicht anders, tauchen die Versatzstücke der Verschwörungserzählungen immer wieder auf, finden sich NS-Relativierungen, werden Xavier Naidoos antisemitische Texte zitiert. Kritik daran empfinden sie als Verleumdung - sie sehen sich als Rebellen, die von den Mächtigen verfolgt werden. Dagegen wäre Protest nötig. Vor dem 1. Mai haben Künstlerinnen und Künstler in Celle sich zu Wort gemeldet und sich deutlich gegen „Celle steht auf“ gestellt. Aber darüber hinaus? Die Öffentlichkeit schweigt weitgehend, die Parteien, mit der Ausnahme Der Partei, halten sich zurück, und der Eindruck kann entstehen, dass einzig die Querdenker verbreiteten Unmut über die Corona-Maßnahmen aufnehmen. Das ist fahrlässig.

Verschwörungsideologien müssen zurückgewiesen werden. Antisemitismus muss auch in seiner bürgerlichen Erscheinung, in seinen  populären Verkleidungen kritisiert werden, gerade auch im Hass auf den Staat Israel. Antisemitismus verbindet Demokratiefeinde, egal ob sie islamistisch, rechtsextrem, völkisch, antiimperialistisch oder gut bürgerlich motiviert sind. In ihm wirken kulturelle Codes, Tradierungen, familiäre und gesellschaftliche Schuldzusammenhänge, die nicht immer leicht zu erkennen und zu verstehen sind. Daher trifft die Kritik an Antisemitismus oft auf Widerstand - denn es ist schwer, einzugestehen, dass die Mythen und Bilder nicht nur in den Köpfen von Neonazis wirken.   

Ich möchte Sie ermutigen, Antisemitismus gegenüber aufmerksam und wachsam zu sein - ihn nicht zu entschuldigen oder zu relativieren. Die Tradition des Antisemitismus muss bewusst durchbrochen werden. Sehen Sie hin, hören Sie hin - und widersprechen Sie.