„Heimliches Rathaus“ feiert 50-jähriges Jubiläum

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Di., 15.09.2020 - 13:05

CELLE. Beim Vorbeigehen ist es leicht zu übersehen, doch wie so oft in großen und kleinen Städten zu beobachten: Es sind eher die unscheinbaren Lokalitäten, die sich zu Top-Adressen entwickeln. Und um eine solche handelt es sich zweifellos bei dem kleinen Traditionswirtshaus mit dem Schweinskopf als Aushängeschild in der Neuen Straße. Über Jahrzehnte wurde das Restaurant „Schweine-Schulze“, das am heutigen 15. September 50-jähriges Bestehen feiert, „Heimliches Rathaus“ genannt, denn hier verbrachten die Ratsherren und -frauen die Sitzungs-Pausen und kehrten im Anschluss ein zwecks Nachbesprechung des ein oder anderen Tagesordnungspunktes.

„Die Bezeichnung blieb, wir begrüßen auch heute noch den einen oder anderen Ratsherrn“, blickt die heutige Besitzerin, Birgit Röder, auf die Gepflogenheit zurück, die mit dem Umzug ins Neue Rathaus zu Ende ging. Der Beliebtheit des Hauses tat es keinen Abbruch, für Birgit Röder und ihren Sohn Mauritz stand recht schnell fest, dass sie das Lokal weiterführen, nachdem 2017 mit dem Tod von Helga Röder eine Ära zu Ende ging. „Das hier war ihr Leben“, berichtet Tochter Birgit, ihr Sohn Mauritz überlegt einen kurzen Moment bei der Frage, wieso er 2018 mit in den Betrieb, den seine Großeltern Udo und Helga Röder im Herbst 1970 eröffneten, eingestiegen ist, obwohl er eine Ausbildung in einem völlig anderen Bereich absolviert hat. „Meiner Großmutter zuliebe“, antwortet der 27-Jährige und fügt mit einer Handbewegung auf die Gaststube verweisend hinzu: „Ich kenne das hier mein ganzes Leben“. „Er stand auf einer Cola-Kiste und hat Geschirr gespült“, erinnert sich seine Mutter an die Kindheitstage. Manche auf Fotos verewigte Gäste sagen dem jungen Restaurantbetreiber noch etwas, andere nicht. „Wir haben bewusst nichts verändert“, erläutert die Inhaberin, und daher lohnt sich das Betrachten des Wandschmucks. Die 70er, 80er und 90er Jahre werden lebendig beim Anblick von Uwe Seeler, Altkanzler Gerhard Schröder in Begleitung seiner damaligen Frau Hillu, Altbundespräsident Christian Wulff, Künstler Horst Jansen, Sänger Gunther Emmerlich und viele mehr zeugen davon, dass diese Räumlichkeiten mehr als ein Gasthaus sind.

„Eine Institution“, nennt Jörg Brandes den „Schweine-Schulzen“. Der Kreisbereitschaftsleiter des Deutschen Roten Kreuzes ist nur einer der zahlreichen geladenen Gäste des Abends. Denn Birgit und Mauritz Röder haben sich für das 50-jährige Jubiläum etwas ganz Besonderes überlegt. „Wir wollen Danke sagen“, umreißt die Wirtin das Leitmotiv für die Ausgestaltung des runden Geburtstages. All jene Berufsgruppen, die sich während der Corona-Krise ganz besonders um das Gemeinwohl verdient gemacht haben, wurden von den beiden Inhabern in den „Schweine-Schulzen“ zu Speis und Trank eingeladen, und so finden sich verteilt auf zwei Tage und in Schichten Vertreter sämtlicher Hilfsorganisationen, des Krankenhauses und der Feuerwehr in dem Lokal ein, das nach dem Schlachter Friedrich Schulze benannt wurde, der in dem Haus von 1843-87 eine Schlachterei betrieb.

Bestens gelaunt verlassen die Gäste zu sehr später Stunde am Montagabend das „Heimliche Rathaus“, in der Altstadt herrscht nächtliche Ruhe, als Birgit und Mauritz ihren Arbeitstag beenden, beide zeigen sich zufrieden mit dem Verlauf, echte Freude hat sich bei ihnen jedoch über etwas anderes eingestellt, im Mittelpunkt steht natürlich ein Schwein. „Hier sind schon fast 700 Euro drin“, berichtet Mauritz begeistert. Die Röders hatten zu Spenden für das Hospiz aufgerufen, und für diesen Zweck ein Sparschwein bereitgestellt. Offensichtlich hat der Abend den Gästen gefallen, sie in Geberlaune versetzt. Die Röders haben wieder einmal geschafft, das zu erzeugen, was Birgit als wichtigstes Attribut ihres Lokals benennt: „Wohnzimmeratmosphäre“. Diese lebt von den Räumlichkeiten, dem Ambiente, der Tradition und nicht zuletzt den Menschen hinter dem Tresen. Dass im „Schweine-Schulzen“ zwei anzutreffen sind, die den Begriff Gastlichkeit mit Leben füllen, lässt sich ablesen an einer tief in der Nacht am Montagabend zu beobachtenden Geste von Birgit Röder: Sie hat das Lokal schon abgeschlossen, hat Feierabend, sieht beim Weggehen, dass aufgrund des Überfalls in einem der Nachbarhäuser noch Journalisten und Polizisten auf der Straße ausharren und fragt: „Möchte noch jemand einen Kaffee?“