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Kunstausstellung „Der Dichter im Baum“ eröffnet

Sieben Künstler interpretieren Ernst Schulze

09.10.2017 - 09:25 Uhr     CelleHEUTE    0
Die Künstler (von links) Jens Hemme Reinhold Tautorat, Horst Brune und Friederike Witt-Schiedung haben Werke zu Ernst Schulze gestaltet. Fotos: Peter Müller. (Nicht mit auf dem Foto: die Künstlerin Ruth Schimmelpfeng-Schütte) Ursel Klause Ursel Gomm (Ruth Schimmelpfeng-Schütte konnte nicht teilnehmen.)

WINSEN/ALLER. Im Kulturcafé nebenan in Winsen (Aller) wurde jetzt eine Kunstausstellung eröffnet, die dem 200. Todesjahr des Dichters Ernst Schulze gewidmet ist. Sieben Künstlerinnen und Künstler aus unserer Region hatten sich aus diesem Anlass zusammengetan, um mit Blick auf diesen Dichter Werke der bildenden Kunst zu schaffen und sie gemeinsam der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Motto „Der Dichter im Baum“ bezieht sich darauf, dass Ernst Schulze selbst berichtet hat, er habe als junger Mann im elterlichen Garten manche Stunde in den alten Eiben gesessen und geschrieben.

Wie sie bei der Ausstellungseröffnung zu erkennen gaben, wussten die Künstler zu Beginn der Arbeit eigentlich nichts von diesem Dichter, der doch im 19. Jahrhundert einer der Meistgelesenen in Deutschland war. Sie schafften sich aber gemeinschaftlich Zugang zur Person und dem Werk des mit 28 Jahren in seiner Heimatstadt Celle gestorbenen Dichters. Angeregt hatte diese Zusammenarbeit Friederike Witt-Schiedung, die sich dann mit Horst Brune, Ursula Gomm, Jens Hemme, Ursula Klause, Ruth Schimmelpfeng-Schütte und Reinhold Tautorat an die Arbeit machte.

Gemeinsam näherten sie sich nicht nur dem Dichter, gemeinsam erwarben sie sich unter der Anleitung von Reinhold Tautorat auch eine neue Technik und setzten sie in Werke um. Im Hauptraum der Ausstellung hängen jetzt dicht nebeneinander kleinformatige Drucke in Styrenetechnik, einem aus Japan stammenden Verfahren, das ein neuartiges Kunststoffmaterial verwendet und leichter zu handhaben ist als der Linoldruck. Die Technik hat man gemeinsam eingesetzt, die Ergebnisse sind aber sehr individuell. Die kleinen Bilder fanden beim Publikum sogleich Interesse.

Horst Brune interpretiert Ernst Schulzes Rückzug in die Bäume im elterlichen Gartengrundstück mit bissigem Humor. Im Gewirr der grünen Äste sitzt auf der großen Fläche des Acryl-Bildes eine kleine rote Figur, sehr selbstbewusst aufrecht und mit nackten Beinen. Vor der Zumutung der Realität maskiert und verteidigt sie sich mit einer Sonnenbrille. Die rote Farbe aber leuchtet aus dem Rückzugsort: Das Ich will nicht verschwinden, sondern eigenwillig und kreativ bleiben.

Ursel Gomm hat sich mit sehr verschiedenen bildnerischen Mitteln der Deutung des jungen Dichters angenommen. Das Entstehen und die Wirkung seines berühmtesten Werkes: des Versromans „Die bezauberte Rose“, interpretiert sie z. B. dadurch, dass sie bunte Porzellanscherben kunstvoll zu einer überraschend schönen Rosenblüte zusammengefügt hat. Damit kann sie den Betrachter daran erinnern, dass Krankheit und Zerrissenheit der Dichtung vorausgegangen waren. Doch der Künstler Ernst Schulze schuf mit seinen Bildern und Versen ein neues Ganzes, ein über die Zeiten anrührend Schönes. – Mit einem großen, klar strukturierten Acrylbild, das den Titel „Vulkan-Baum“ hat, erinnert Gomm auch daran, dass der Dichter mit nur 28 Jahren gestorben ist. Aus einer braun-dunklen Erdkugel wächst ein gelber Stamm empor, ein „Vulkan“, doch weit in die Höhe reicht er nicht, er wirkt abgeschlagen, gekappt. Doch über ihm segeln, waagerecht durchs Bild und vor hellem Himmel, rot-gelbe Wolken, sie gehören dem Vulkan an, aber doch auch uns allen.

Eigentlich hatte sich Ursel Klause nur bereit erklärt, die Arbeit der „Künstlerkooperative auf Zeit“ zu dokumentieren. Von dieser Aufgabe legt ihre große kommentierte Fotogalerie beredt Zeugnis ab. Doch irgendwann, so sagt sie, habe es sie dann auch gelockt, künstlerisch zum Thema „Der Dichter im Baum“ beizutragen. In einem kleinen Glaskasten, der ehemals der Fa. Trüller zur Ausstellung ihrer Produkte diente, gestaltete sie mit Holzstücken ein ausdrucksstarkes Gesicht. Das dreidimensionale, kubisch-flächige Werk mit dem Titel „Holz vom Dichterbaum“ zieht die Blicke auf sich und löst Nachsinnen aus: Wer war dieser die Natur feiernde, sich in der Natur spiegelnde Dichter? Wie schaut er uns Heutige an?

Der Maler und Bildhauer Jens Hemme hat ein sehr großes Holz-Tableau mit dem Titel „Janus“ in die Ausstellung gegeben. Eine dunkle Figur steht, überlebensgroß und starr, am rechten Bildrand. Um sie herum ist angedeutetes Leben. Oben aber, in der Mitte der schmalen großen Holztafel schauen zwei scharf konturierte, übereinander gelegte, antik anmutende Profil-Köpfe, ein weißer und ein schwarzer, in die Ferne, unnahbar, unwirklich und doch unmittelbar verständlich. Einen Bezug zu Ernst Schulze kann der Betrachter schon durch den Titel herstellen: „Janus“, ein Leben und ein künstlerisches Werk voller Gegensätze.
Von Ruth Schimmelpfeng-Schütte sehen wir ein kleines halbreliefartiges Bild, auf dem ein Rosenstrauch voller kleiner Blüten aus einem vollplastischen, nur halb zu sehenden Buch herauswächst. Zugleich regnen aus den Zweigen Buchstaben heraus. Auf Schimmelpfeng-Schütte geht es auch zurück, dass die Besucher der Ausstellung sich aufgerollte Briefchen als Lose ziehen durften, die kurze Texte des Dichter enthielten, z.B.:
Mag der Herbst das welke Laub zerstreu’n
Mag der Sturm die Blüthen dir entführen,
Was du liebst, das bleibt auf ewig dein,
Nimmer kann das Herz sich selbst verlieren.

Kräftige, vielgestaltige Flächen und Linien sind auf den Bildern von Reinhold Tautorat zu finden, mal in Graustufen, mal zartfarbig, aber auch in leuchtenden Tönen, wie an zwei Trüller-Dosen, deren Glasdeckel er für Hinterglasmalerei genutzt hat, eindrucksvoll. Ein mehrschichtiges Bild hat er aus zwei großformatigen, übereinander gelegten Plastikhüllen geschaffen. Die untere Ebene bietet bewegte abstrakte Grauformen mit starken dunklen Begrenzungen, und auf der zweiten Ebene können die Betrachter in feinen schwarzen Linien Ernst Schulzes Kopf entdecken, gestaltet nach einer bislang wenig bekannten Zeichnung von August Kestner, der mit Schulze befreundet war. Auch auf einzelnen weiteren Bildern der Gruppe erscheint dieser Kopf in unterschiedlicher Gestaltung.

Friederike Witt-Schiedung hat sich nicht nur darin verdient gemacht, dass sie das Zusammenwirken der Künstlergruppe zustande gebracht hat, auch unter den ausgestellten Werken ist ihr Anteil groß. Schon das erste Bild „Zweibeiniger Baum“ ist eindrucksvoll. Kann ein zweibeiniger Baum stehen? Was verbirgt sich hinter der Platte, die von den zwei Beinen getragen wird? Das Bild vom Baum wird unterstrichen durch den Kontrast zu den über den Hintergrund verteilten gefiederten Blättern. Die Worte „Dichter“ und „Baum“ erscheinen in den Titeln ihrer Bilder immer wieder, so „Des Dichters Baum von innen“ und „Querschnitt vom Dichterbaum“, zwei großformatige Bilder mit feiner Zeichnung, in die die Betrachter sich erst hineinsehen müssen, dann aber den Bezug zu den Titeln intensiv erfahren. Das ihr zuzurechnende Bild aus der Reihe der Styrene-Drucke fällt mit kraftvoller, einfacher Gestaltung auf. Und schließlich ihr Trüllerkasten: Der Titel „Cäcilie“ knüpft an das umfangreichste Werk Ernst Schulzes an und hat mit dem Echthaarzopf zugleich einen sehr persönlichen Bezug.

Mit dieser Ausstellung hat die Künstlerkooperative sich wieder aufgelöst. Es bleiben sehenswerte Ergebnisse einer Begegnung von Dichtkunst und bildender Kunst. Die Ausstellung ist noch zu sehen bis zum 5. November, täglich von 15 bis 18 Uhr, außer sonnabends und feiertags, im Kulturcafé nebenan, Küsterdamm 9, Winsen (Aller).

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