KINO REZENSION VON ALEXANDER FISS: Literaturverfilmungen sind ja schon lange nichts wirklich Neues mehr. Schon seit den frühen Anfängen des Mediums Film haben Bücher immer wieder die Inspiration für bewegte Bilder geliefert. Von D.W. Griffith’s höchst umstrittenem „Geburt einer Nation“ (1915, basierend auf „The Clansman“) und Friedrich Walter Murnau’s Nosferatu (1922, basierend auf „Bram Stoker’s Dracula) bis hin zu J.K. Rowlings „Harry Potter“ oder J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ wurden sicher tausende Bücher, von Klassikern über zeitgenössische Kurzweil bis zu Skandalwerken, verfilmt. Auch der Kanadier Denis Villeneuve, der schon mit „Prisoners“ (2013) und „Die Frau singt – Incendies“ (2010) in gewissen Kreisen auf sich aufmerksam machen konnte, hat sich für seinen „Enemy“ ein Buch als Vorlage genommen: Literaturnobelpreisträger Jose Saramagos „O Homem Duplicado“ aus dem Jahre 2002.

enemy-posterDie Story ist erst einmal denkbar simpel. Der Geschichtsprofessor Adam (Jake Gyllenhaal; „Donnie Darko“; „Prince of Persia: Sands of Time“) schaut sich, auf Anraten eines Kollegen, einen Film an. Dort entdeckt er seinen „Doppelgänger“ Anthony in einer kleinen Rolle. Aus Neugierde macht er sich daran, herauszufinden, wer dieser Mensch ist. Wesentlich mehr will ich hier nicht schreiben und leider lässt es sich im weiteren Verlauf der Rezension nicht vermeiden, gewisse Dinge zu spoilern.

Ich muss nun eine Behauptung aufstellen, die sich schon oft bewahrheitet hat: Ohne Saramagos Roman gelesen zu haben, „Enemy“ bestätigt für mich, dass ein gutes Buch keinen guten Film macht. Das wage ich so zu schreiben, da die tieferliegende Thematik von „Enemy“ durchaus interessant und definitiv anspruchsvoll ist. Letzten Endes geht es um den Kampf in einem Menschen. Einen Kampf zwischen der Realität und den Träumen. Der Suche nach dem eigenen Ich. Denn vieles weist darauf hin, dass Adam und Anthony ein und die selbe Person sind. Gerade die seltenen Szenen mit Adams Mutter (Isabella Rosselini; „Blue Velvet“; „Wild at Heart“) lassen keinen anderen Schluss zu. Adam ist die Realität, der kleine, langweilige College-Professor, Anthony, der aufregende, Motorrad fahrende Schauspieler und Künstler, das, was er sich irgendwo wünscht zu sein, um aus seinem tristen Alltag auszubrechen. Dies wie einen Thriller aufzuziehen ist an sich ein Geniestreich.

Aber leider nur an sich. Das Thema lädt zur Interpretation und zum Nachdenken ein und ich kann mir vorstellen, dass dies in Buchform hervorragend funktioniert, gerade bei einem Autor, der einen Literaturnobelpreis bekommen hat. Ein Buch braucht nicht viel Action, keine Schauwerte, es kann auch 500 Seiten lang eine Charakterstudie oder philosophische Suche nach dem Ich sein. 384 Seiten umfasst die deutsche Ausgabe von „Der Doppelgänger“. Und ich denke, dass Saramago diesem Thema dort einiges an interessanten Aspekten und Dramaturgie abgewinnen kann. Der Knackpunkt: Villeneuve gelingt dies in seinem 90 minütigen Film nicht wirklich.

Die Optik und bedrückende Atmosphäre (anfangs könnte man fast glauben, man wäre in einer Dystopie gelandet, so schwermütig wirkt es) fangen das triste Gefangensein Adams in einem ermüdenden Alltag hervorragend ein. Die selbe Routine, Tag ein, Tag aus, kein Entkommen, nichts Interessantes geschieht, um sein Leben lebenswert zu machen. Dann sieht er Anthony in einem Film und beginnt sein „Abenteuer“. Was ich nun vermisse ist eine spürbare Steigerung der Dramatik, das Aufwerfen tiefgründiger Fragen. 90 Minuten bieten nicht viel Zeit, um beides zu tun. In „Enemy“ geschieht meiner Ansicht nach weder das Eine, noch das Andere. Die Fragen, die der Film aufwirft gehen eher in die Richtung „Was zur Hölle soll mir das sagen?“. Man muss erst einmal Puzzleteile zusammensetzen, um den Twist wirklich zu verinnerlichen. Dann erst kann man sich dem eigentlichen Sinn des Ganzen widmen. Eine Transferleistung, die nicht jeder gewillt ist zu leisten, die ich aber gerne in Kauf nehme. Allerdings gibt einem der Film per se zu wenig an die Hand. Man ist gezwungen einen Sinn zu suchen. Und ich gehe jede Wette ein, dass die meisten Menschen sich einfach sagen werden „Der Film hat keinen Sinn gemacht und unterhalten hat er mich auch nicht.“, womit die Bereitschaft einen Sinn suchen zu wollen eher gering sein dürfte.
Denn dramaturgisch ist der Film hart gesagt langweilig. Es herrscht zwar die ganze Zeit eine gewisse unterschwellige Spannung vor, aber fesselnd ist „Enemy“ nicht. Man will wissen was es mit Adam und Anthony auf sich hat. Es wird zwar immer seltsamer, aber erst zu spät spitzt sich die Situation wirklich zu und der eher symbolische Konflikt wird zur richtigen Konfrontation. Wie bereits erwähnt, in Buchform stelle ich mir das wirklich fesselnd vor, als Film langweilt es mehr als alles andere. Vielleicht liegt das auch daran, dass nur eine Sache wirklich das Interesse des Sehers weckt: Die Verbindung zwischen Adam und Anthony. Die vier richtig vorkommenden Charaktere (Adams Mutter zähle ich mal nicht) Adam, Anthony, Helen und Mary sind herzlich nichtssagend und einem egal. Der wahre Hauptcharakter ist der Konflikt, das Thema, die Schauspieler nur Hüllen, die ihn darstellen. In einem Buch ist das durchaus machbar, für einen Film ist es meistens tödlich.

Um es ganz klar zu stellen: Ein Buch spielt sich vor allem im Kopf des Lesers ab. Er selbst kreiert aus den Worten des Autors in Gedanken Bilder, die, je nach Stil des Autors, klarer oder weniger vordefiniert sind. In ein Buch bringt jeder etwas von sich selbst mit ein. Man ist von Natur aus gezwungen, die Worte zu interpretieren. Ein Film zeigt einem diese Bilder, zeigt die Interpretation eines bzw. weniger Individuen. Die Art der Auseinandersetzung ist eine gänzlich andere, ein Film spielt sich oft weitaus weniger im Kopf des Zuschauers ab als ein Buch. Einen inneren Konflikt derart aufzuzeigen, erschwert es einem, sich wirklich damit auseinandersetzen zu können. Was bei Horrorfilmen in Form von „Nicht zeigen von Gewalt“ für Härte sorgt, in dem es etwas nur im Kopf des Zuschauers passieren lässt, die Gewalt durch Sound und Schnitt nur suggeriert, kann bei einer anspruchsvollen Thematik dafür sorgen, dass der eigentlich kluge Gedanke erst einmal verloren geht. Für dieses Dilemma ist „Enemy“ ein Paradebeispiel. „Fight Club“ hat es mit einigen urig anmutenden Szenen, dementsprechenden Dialogen und passender, unterhaltsamer Inszenierung (inklusive der Charaktere und der Dramaturgie) gemeistert, dass der Zuschauer am Ende versteht, worum es wirklich geht, auch wenn der Weg dorthin ab und an etwas sperrig oder seltsam anmuten mag. „Enemy“ ist hingegen, trotz seiner klasse eingefangenen Stimmung, zu „künstlerisch“, als dass ein Durchschnittszuschauer (selbst ein Kinogänger mit Hang zu speziellen Filmen) am Ende gleich den vollen Umfang seines Inhaltes begriffen hat. Aber um ihn nochmal zu schauen oder sich weitergehende Gedanken zu machen, um dies nachzuholen, ist er schlichtweg nicht packend genug.

Somit bleibt „Enemy“ ein gut gemeinter Film, der sein eigentliches Thema eines inneren Kampfes beziehungsweise der Suche nach Identität dem Zuschauer nicht spannend und schlüssig genug präsentieren kann. Geht man dem allen auf den Grund, dann ist er definitiv intelligent, doch mir fallen nur zwei Gruppen von Leuten ein, die sich diese Arbeit bei „Enemy“ machen werden: Filmkritiker und Menschen, die gerne über Filme sinnieren. Alle anderen werden sich irgendwas zusammenreimen oder ratlos dastehen und es vergessen, denn „Enemy“ ist dramaturgisch doch zu lahm für sie, um diese Zeit zu investieren. Eine tiefgründige Idee mit gut eingefangener Stimmung kann in filmischer Form halt an schwacher Dramaturgie und mangelndem „emotional investment“ scheitern.

Enemy
(OT: Enemy)
Regie: Denis Villeneuve
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Melanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rosselini
Herstellungsland: Kanada
Herstellungsjahr: 2013
Länge: ca. 90 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Kinostart: 22.05.2014

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