"Oberbürgermeister statt kühl berechnender Hauptverwaltungsbeamter gefragt"

Politik Von Anke Schlicht | am So., 21.06.2020 - 17:58

CELLE. Folgt man den Worten des Schulausschuss-Vorsitzenden und Ratsherrn Stephan Ohl, dann haben sich die Tagesmütter unter dem Dach der Stadtverwaltung gut begleitet gefühlt. Würde die Qualität des Trägers beim anstehenden Wechsel zu Beginn des kommenden Jahres gleich bleiben, wäre dieser Umstand kaum einer Erwähnung wert. Doch das Ergebnis von Ohls Gesprächen mit der besagten Berufsgruppe förderte anderes zutage: „Der Service im Landkreis ist schlecht, z.B. die Erreichbarkeit, es gibt viel weniger Info-Material, von der Stadt wurde besser informiert, insgesamt wurde fachlich fundiert gearbeitet“, zitierte der Grünen-Politiker die Aussagen von Tagesmüttern auf der jüngsten Sitzung des Stadtrates.

Die Abgabe der Kindertagespflege an den Landkreis stand zur Entscheidung an. Mit ihren übereinstimmenden Statements „Wieder möchte der Oberbürgermeister ein Stück Eigenständigkeit abgeben“, spielten Christoph Engelen (SPD) und Bernd Zobel (Grüne) auf die Übertragung der Jugendhilfe an den Landkreis Anfang des Jahres 2019 an. Die Kindertagespflege wurde seinerzeit aus dem Paket ausgegliedert, um die Kinderbetreuung als Einheit, also mit Kitas und Kindergärten, bei der Stadt zu belassen. Diese Regelung wird zum Beginn des kommenden Jahres beendet, auch weil die zuständige Stelleninhaberin in den Ruhestand geht, in erster Linie jedoch, um Kosten einzusparen. Auf Antrag von Oliver Müller (BSG/Die Linke) wurde namentlich abgestimmt: 23 Ratsmitglieder votierten für die Abgabe, 17 dagegen. Die Letztgenannten zweifelten den gewünschten Einspareffekt an. Über die Kreisumlage würde sich der Landkreis das Geld ohnehin wieder zurückholen. Behice Uca (Die Linke) erinnerte an den Wahlkampfslogan der CDU „Celle kann mehr“, nun stelle sich zunehmend heraus „Celle macht weniger“. Christoph Engelen argumentierte, soziale Verantwortung würde auf diese Weise auf andere übertragen.

Der Fraktionsvorsitzende der SPD, Patrick Brammer, hatte einen kurzen Beitrag über das Selbstverständnis von Städten vorbereitet, dessen Fazit lautete: „Es ist schwer vorstellbar, dass der Landkreis die Aufgabe der Kindertagespflege besser ausführe als die Stadt. Wir wehren uns gegen eine Beschneidung der städtischen Kompetenzen“, betonte er und appellierte am Ende seiner Rede an das Stadtoberhaupt: „Seien Sie mutig! Seien Sie mehr Oberbürgermeister als kühl berechnender Hauptverwaltungsbeamter!“