Stadt ignoriert BUND und Grüne bei Ameisen-Umsiedlungen

Umwelt Von Anke Schlicht | am Di., 16.02.2021 - 11:26

CELLE. Im jüngsten Umweltausschuss war der Vorgang nicht mehr als eine Randnotiz: Die AfD hatte die Kosten für die Ameisen-Umsiedlung auf dem Gelände des zukünftigen Feuerwehrhauses in Westercelle mit 1.350 Euro als zu hoch kritisiert. Der Vorsitzende Heiko Gevers stufte die Eingabe als reinen Mitteilungsantrag ein, so dass nur zur Kenntnis genommen wurde. Doch die Kritik war Auslöser, die Ignoranz der Verwaltung gegenüber BUND und Grünen offenzulegen. Denn im Nachgang äußerte sich die Pressestelle der Stadt gegenüber der CZ unter der Überschrift „Das steckt hinter der Ameisen-Umsiedlung“ zum Thema Ameisenrettung und wirft damit nicht nur Fragen auf, sondern widerspricht mit ihren Aussagen der BUND-Kreisgruppe Celle und den Grünen.

Die Umsiedlung der unter Naturschutz stehenden hügelbauenden Waldameisen sei am 1. September 2020 fach- und artgerecht von einem Fachmann der Deutschen Ameisenschutzwarte durchgeführt worden, in den folgenden Tagen sei das erfolgreiche Annehmen der neuen Standorte im Neustädter Holz und in Boye mehrfach kontrolliert worden. „Ich frage mich, wer diese Kontrolle vorgenommen hat“, kommentiert der Vorsitzende der BUND-Kreisgruppe Heiner Lammers, zumal der Ameisenheger unmittelbar nach Abschluss seines Auftrags in Urlaub fuhr. Diese Erkenntnis beruht auf Akteneinsicht, die an dem Vorgang interessierte Celler genommen haben. Der Vertreter des Umweltverbandes fand bei seiner Begehung im Oktober die Insekten in einem Zustand vor, der den Eindruck einer alles anderen als fach- und artgerechten Durchführung erweckte.

In einer Mail teilte Heiner Lammers der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt mit: „Die Teilumsiedlung von acht Völkern der hügelbauenden Waldameise ohne Königin nach Boye bzw. ins Neustädter Holz haben diese Ameisen nicht überlebt. Darauf deutet die Inaugenscheinnahme der umgesiedelten Hügel hin. Es waren keine lebenden Ameisen mehr festzustellen.“ In Boye fand Lammers überhaupt keine Spuren von dorthin verbrachten Nestern mehr vor. Der grüne Ratsherr Stephan Ohl fand in der Sitzung des Umweltausschusses am 1.10.2020 deutliche Worte: „Die Verwaltung hat nicht sauber gearbeitet. Es gab Fehler und Unterlassungen.“

Hintergrund des Vorgangs ist eine offenbar sehr kurzfristige Beauftragung eines Ameisenhegers. Zwölf Nester galt es zu verlegen, der Heger grub nach Aussage des BUND nicht tief genug, nahm zu wenig Material mit, die Königinnen verblieben in den unterirdischen Brutkammern in Westercelle. Das Dezernat für Bauen und Umwelt hatte auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung verzichtet, empfahl stattdessen für die Aufstellung des Bebauungsplanes für das neue Feuerwehrgerätehaus das beschleunigte Verfahren und erhielt die Zustimmung der Politik-Vertreter. Allein durch Eingaben aus der Bevölkerung wurde das Rathaus gewahr, dass sich unter Schutz stehende Naturgüter auf dem stadteigenen Gelände in sehr großer Zahl befinden. Zuständig für die Einhaltung der Vorgaben des Bundes zu Flora und Fauna in Celle ist die dem Dezernat Umwelt und Bauen unterstehende Untere Naturschutzbehörde unter der Leitung von Norman Rohrpasser.

Der Bestand an hügelbauenden Waldameisen ist stark rückläufig. Sie erfüllen innerhalb des ökologischen Gefüges wichtige Aufgaben, gelten als Nützlinge des Waldes, sind beispielsweise Aasverzehrer, ernähren sich von Kleininsekten, darunter Forstschädlingen. Wo sie heimisch sind, ist der Ausbruch einer Schädlingskalamität zwar möglich, aber doch unwahrscheinlicher. Zudem sind sie natürliche Fressfeinde des Eichenprozessionsspinners, der sich zunehmend zum Problem für Menschen entwickelt. „Sie können auch zur Gefahr für die Pferde des angrenzenden Reitvereines werden. Die Tiere sind überaus empfindlich gegenüber den Brennhaaren der Eichenprozessionsspinner“, mahnt Heiner Lammers und weist auf den Bestand an Vögeln und Fledermäusen in dem kleinen stadteigenen Biotop am Triftweg hin, die ebenfalls zu den natürlichen Gegenspielern der gefährlichen Schmetterlingsart zählen.

„Es wimmelte nur so von Ameisen“, beschreibt Lammers einen Besuch im Sommer des vergangenen Jahres in dem kleinen Waldstück. Wenige Wochen später bot sich ihm das Bild einer zerstörten Kolonie in der Folge unsachgemäßen Vorgehens von Seiten des Ameisenhegers Alfred Rabe. Lammers und ein Celler Bürger waren so erbost, dass sie Anzeigen wegen des Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz erstatteten. Nach Darstellung der städtischen Pressestelle musste die Nachsuche und Einsammlung von Ameisen außerhalb der schon abtransportierten Nester gestoppt werden. „Grund waren Einsprüche aus der Bevölkerung, die zunächst geklärt werden mussten“. Dadurch verzögerte sich laut Stadtverwaltung das ganze Projekt.

Die BUND-Kreisgruppe ist sehr erstaunt über diese Aussagen. „Das können wir so nicht stehen lassen“, sagt Lammers und kündigt an, zeitnah mit der Unteren Naturschutzbehörde Kontakt aufzunehmen. Diese zeigte sich im Vorfeld von den Mitteilungen des BUND offenbar unbeeindruckt, denn Stadtbaurat Ulrich Kinder bestätigte auf Anfrage im jüngsten Umweltausschuss, dass der Auftrag für den zweiten Teil der Umsiedlung im Frühjahr wiederum an Alfred Rabe vergeben wurde. Dieser sei von der Ameisenschutzwarte empfohlen worden.

 

 

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