BERGEN. „Bergen war die erste Kleinstadt in meinem Leben, ruhig und gemütlich, mit meiner Wohnung im Stadthaus. Hier konnte ich sehr gut arbeiten”, erklärte der Bergens Stadtschreiber Daan Heerma van Voss vor seiner Abreise heute zurück nach Amsterdam. Insgesamt sechs Wochen verbrachte der 32-jährige Autor 2017 und 2018 in Bergen. Lesungen hatte er hier, unter anderem mit Schülerinnen und Schülern der Anne-Frank-Oberschule, aus „Abels letzter Krieg”, gemeinsam mit seinem Bruder Thomas Heerma van Voss aus dem Krimi „Zeuge des Spiels” und zuletzt vergangene Woche aus seiner Rede „Verlorene Klänge, ewige Frequenzen”, die er am 4. Mai 2018 zur nationalen Gedenkfeier für die niederländischen Zivilpersonen und Soldaten, die seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Kriegen oder bei Friedensmissionen umgekommen sind, in der Nieuwe Kerk in Amsterdam hielt.

„Mein Liebesroman ‘Noem het liefde‘ („Nenne es Liebe”) wurde hier in Bergen fertig. Für ein nächstes Buch, voraussichtlich über einen Schachspieler, hat mich Bergen inspiriert. Ich habe hier neue Freunde gefunden und bin beeindruckt vom Interesse gerade der jungen Leute an den Niederlanden”, so der niederländische Autor. Den richtigen Tippgebern aus dem Krimi-Rätsel vom April 2018, Niko P., Jake, Mattes und Marten von der Anne-Frank Oberschule, überreichte er zum Abschied die von seinem Bruder Thomas und ihm signierten Ausgaben des inzwischen bei Schöffling & Co. in deutscher Sprache erschienenen Thrillers. Daan Heerma van Voss hatte Kolumnen über Bergen geschrieben und manche Interviews gegeben. Der WDR hatte ihn unter dem Motto porträtiert: „Auch sehr kleine Orte leisten sich manchmal eine Schreibresidenz. Zum Beispiel das niedersächsische Bergen in der Lüneburger Heide.”

Daan Heerma van Voss ist Bergens zweiter Stadtschreiber seit 2015. Bürgermeister Rainer Prokop: „Ein Gewinn für uns, ganz sicher für alle Literaturinteressierten und die vielen Fans an der Anne-Frank-Schule.” Meist sind es große Städte mit solchen Artist-in-Residence- Programmen, darunter Bergen-Enkheim, der östlichste Stadtteil von Frankfurt am Main, Mainz, Dresden oder Stuttgart. „Eine kostenlose Wohnung und kleine Zuwendungen sind auch für Bergen leistbar – und das lohnt sich”, so Prokop, der sich auch bei der Niederländische Botschaft in Berlin bedankte, die das Programm unterstützt.

„Daan ist in der Welt unterwegs, ist willkommen in Israel, in China, demnächst in Mali, gerade aus Stuttgart und Karlsruhe zurück. Und überall dort ist auch ein bisschen Bergen mit dabei”, freute sich der Bürgermeister. „Eine große Bereicherung waren auch die Gespräche, die wir gemeinsam mit Politikern, mit Kommandeuren des binationalen Panzerbataillons, mit Vertretern der Schulen und in der Stadtbücherei Bergen hatten,” so Prokop. Zum vorläufig letzten Besuch in Bergen brachte der Stadtschreiber eine Geschichte mit, die an die Sonderausstellung der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten „Kinder im KZ Bergen-Belsen” anknüpft. Die Ausstellungseröffnung am 15. April 2018 hatten der Niederländische Botschafter in Deutschland, Wepke Kingma, und Daan Heerma van Voss begleitet. Zu den Kindern im KZ gehörte Ischa Meijer, der niederländische Publizist jüdischer Herkunft, eine Ikone im Nachbarland. Mit seinen Eltern überlebte er das KZ als Baby (1943 bis 1945) und die Irrfahrt der 6.800 „Austauschjuden” (Geiseln) im Zug der „Verlorenen von Bergen-Belsen” ins brandenburgische Tröbitz, wo auf offener Strecke Truppen der Roten Armee am 23.04.1945 die Häftlinge aus den Waggons befreiten.

Über ‚Ischa‘ berichtet Daan Heerma van Voss: „Ischa war einer der besten Schulfreunde und Arbeitskollegen meines Vaters. Ich kenne ihn über meine gesamte Kindheit hinweg bis zu seinem Tod 1995, da war ich neun. Er kam uns oft unangekündigt besuchen, brachte immer Leben in die Bude und aß alle Snacks auf: Chips, Nüsse, alles, was da war. Er hatte immer Hunger. Ischa kaufte die teuersten Geschenke, immer das Beste, ohne zu fragen, ob man das mochte. Ich kriegte einmal von ihm ein kleines Schlagzeug. Ich wollte es gar nicht, aber das war ihm egal. Geschichten aus dem Krieg habe ich kaum von ihm gehört, auch nicht von meinem Vater.

Beide gehörten zu der Nachkriegsgeneration, die darüber wenig sprach. Ischa machte viele Witze über den Krieg: über Juden, über Nazis. Er führte viele Parallelleben: in Amsterdam, in Utrecht – immer mit Haus und Freundin. Er hatte mindestens drei Freundinnen, die nichts voneinander wussten, viele Affairen, besuchte Prostituierte. 1979 erschien sein Buch ‚Huren‘, eine Art Autobiografie. Auch die Huren kamen zu seiner Beerdigung. Da standen so viele Menschen, die einander nicht kannten, und alle glaubten sie, auch mein Vater, nur sie allein seien sein bester Freund, seine beste Freundin gewesen. Dass Ischa seine Leben so trennen konnte, war vielleicht ein Ergebnis seiner traumatisierten Familie. Mit 18 flog er aus dem Elternhaus. Auch zu seinen Geschwistern kappten die Eltern alle Beziehungen.

Ischa hatte emotionale Defizite. Er packte das eine Leben in die eine Schublade und öffnete eine andere. Eine Woche später machte er es andersherum. Für mich war er der beste, vielleicht auch verrückteste, sicher der intuitivste Interviewer, den es je in den Niederlanden gab. Als ich zu schreiben begann, habe ich mich intensiv mit seinen Interviews beschäftigt. Von 2005 bis 2011 habe ich in seinem Haus in Amsterdam gewohnt. Immer aber, wenn ich ganz privat an ihn denke, sitzt er bei uns in der Küche und isst. Dort war sein Lieblingsplatz.”

Der literarische Brückenschlag Bergens zu den Niederlanden wird fortgesetzt. Zum offiziellen Abschied des Stadtschreibers wird die Stadt Bergen Mitte Januar 2019 Gast in der Niederländischen Botschaft in Berlin sein, anlässlich der deutschsprachigen Buchpremiere des Romans „Abels letzter Krieg”, der kurz vor Weihnachten 2018 in der dtv Verlagsgesellschaft München erscheint. Dann wird Bürgermeister Rainer Prokop auch die Nachfolgerin oder den Nachfolger von Daan Heerma van Voss für die Jahre 2019 und 2020 vorstellen. Daan, so der Bürgermeister, sei selbstverständlich immer wieder in Bergen willkommen. Der Autor abschließend: „Bergen war meinen deutschsprachigen Romanausgaben immer weit voraus. Ich werde gern nach Bergen zurückkehren, vielleicht irgendwann zu einer Triple-Lesung mit Ischas Tochter Jessica und vielleicht mit den Stadtschreibern aus mehreren Jahren.”

Daan Heerma van Voss mit Schülern der Anne-Frank-Schule Bergen.

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