CELLE. Es war ein Streifzug durch die Welt der Wurzeln – in all ihren Varianten. Wer anfangs gedacht hatte, das Motto „Verwurzelt/Entwurzelt“ würde am Flüchtlingsthema hängen bleiben, wurde eines Besseren belehrt. Die zehn Autorinnen und Autoren der „Creative Writers“ der Volkshochschule (vhs) Celle unter Leitung von Martina Hancke, Fachbereichsleitung Kultur, ließen in ihrer „Lesung im Lichterschein“ keine Facetten des Themas aus: ob es sich nun um den Haarverlust des Mannes und seine tragische Auswirkung auf eine Beziehung handelte, vorgelesen von Angela Winkler, oder um die mafiösen Vorgänge in einer Zahnarztpraxis, die Thomas Drösemeyer mit sonorer Stimme schilderte. Manch einer der rund 40 Zuhörer im Saal der vhs Celle zuckte schon beim Wort „Zahnwurzelspitzenresektion“ zusammen.

Das „Übel an der Wurzel zu packen“ plante auch der Protagonist in Katharina Zahns Erzählung „Müller“: Der Mord an seiner Frau lässt einen Büroangestellten zum Rächer aller Opfer werden. Tiefen Eindruck hinterließen die Ausführungen der jungen Poetry Slammerin Annemarie Imming. Sie nahm das Publikum mit auf ein Gedankenexperiment und kam zu dem Schluss: Unsere Erinnerungen sind nur ein Konstrukt, folglich sind auch unsere „Wurzeln“ nur ein Konstrukt.

Beklemmende Stille legte sich über den Saal als Catrin Kuhtz die Fluchterfahrungen eines Mannes aus Teheran vortrug. In mehreren Gesprächen hatte der Iraner ihr seine Geschichte erzählt: vom Abschied, von den Schleusern, der Überfahrt, den langen Fußmärschen.

Der Cut nach diesem Vortrag zu einer humorvollen Erzählung war gelungen und brachte das Publikum ins eigene Land zurück. Wie schwer sich die Deutschen noch immer mit Nationalstolz tun, zeigte Werner Warnecke in seinem mit kabarettistischen Zügen geprägten Text „Der Patriot“. Die Aufforderung zu einem simplen Trinkspruch in internationaler Runde lässt den Deutschen verzweifeln: „Alle trinken auf den König oder die Queen und sind stolz auf ihr Land. Soll ich etwa auf Frank-Walter trinken?“

Mit Überlegungen zur eigenen Familiengeschichte befasste sich Christine Wachau in einem fiktiven Gespräch zwischen Enkelin und Oma. Sie stellen fest, dass die Idee eines großen Netzwerks, eines Myzeliums wie bei den Pilzen, viel schöner ist, als die Wurzel-Metapher. Als erdrückende Fangarme schilderte Anne Voigt Tradition und Bindungen in der Familie. In ihrem tiefgründigen Text „Wurzelwesen“ beschrieb sie den langen Weg zur Selbstentfaltung. Martina Hancke hingegen nahm die Suche nach den eigenen Wurzeln im Kolumnenstil auf die Schippe: In „Familienforschung 2.0“ verfällt der Gatte der Genealogie.

Das „Gartengeflüster“ von Karin Brodde entwickelte sich zu einer lebhaften Unterhaltung zwischen den Pflanzen und einer Eiche im Garten der Erzählerin. Im Beitrag von Margret Leehoff-Grundschok reichte die Assoziationskette von der Wurzel über den Baum bis zu einem alten Bleistift, der seine Familie vorstellt. Vor allem die vielen kleinen Nichten – in Form von Ikea-Shopping Tools – kamen beim Publikum gut an.

Eine kurzweilige, gelungene Lesung stellten viele der Zuhörerinnen und Zuhörer fest, die auch die Pause zu anregender Unterhaltung nutzten.

Angela Winkler

Angela Winkler

Anne Voigt

Anne Voigt

Annemarie Imming

Annemarie Imming

Catrin Kuhtz

Catrin Kuhtz

Karin Brodde

Karin Brodde

Katharina Zahn

Katharina Zahn

Martina Hancke

Martina Hancke

Thomas Drösemeyer

Thomas Drösemeyer

 Werner Warnecke

Werner Warnecke

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