"Summer of Dreams" - Kinopremiere in den Kammer-Lichtspielen

Von Redaktion | am Do., 08.05.2014 - 19:24

KINO-REZENSION VON ALEXANDER FISS

Eines muss man Regiesseur Niels Marquardts Projekt "Summer of Dreams" von vorne herein lassen: Es ist überaus ambitioniert. Und das in vielerlei Hinsicht. Zum ersten ist es ein Musical. Viele stört das Gesinge in Filmen ja, ich finde das oft klasse, selbst wenn die Musik komplett von meinem persönlichen Geschmack abweicht. Aber deutsche Musicals auf einer Kinoleinwand? Mir fiele da spontan kein wirklich nennenswertes Exemplar ein. Dann nimmt sich der Film auch einem sehr ernsten und wichtigen Thema, dem Mobbing an der Schule, an. Marquardt, der schon vorher mit Kindern und Jugendlichen im sportlichen, aber auch musikalischen, Bereich zusammengearbeitet hat, konnte selbst miterleben, dass welche Auswüchse das heutzutage oft annimmt. Zu allem Überfluss, und damit wäre ich beim letzten Punkt, steht hinter "Summer of Dreams" kein großes Studio, nein, das Projekt wurde aus eigener Tasche realisiert (abgesehen von der Unterstützung beim Verleih).

summerofdreamsSchwere Vorraussetzungen also. Doch erst einmal zur Story: Die junge Milla (Joyce Hildebrand) zieht mit ihrer Familie zu Beginn des neuen Schuljahres nach Kiel. Auch die Russin Elena (Diana-Maria Krieger) verschlägt es aufgrund der Erkrankung ihrer Mutter dorthin, um bei ihrem Onkel und ihrer Tante zu wohnen. An der neuen Schule, die speziell künstlerisch begabte Schüler fördert, könnte ihr beider Leben kaum unterschiedlicher verlaufen. Milla freundet sich relativ schnell mit den "coolen Kids" an, Elena wird aufgrund ihrer Kleidung und Andersartigkeit zu Aussenseiterin und Ziel von Mobbing. Als Milla dies mitbekommt, schreitet sie ein und freundet sich mit Elena an. Es dauert nicht lange und sie sind beste Freundinnen. Dann tritt allerdings Lukas, ein alter Schwarm Millas, in ihre Leben.

Wesentlich mehr Infos als eine kurze Inhaltsangabe standen mir vor Sichtung nicht zur Verfügung. Um Missverständnisse zu vermeiden, will ich eines gleich klarstellen: "Summer of Dreams" ist kein schweres Drama. Es ist ein Musical, wodurch die Emotionen und Themen der Songs einem eingängig und unterhaltsam näher gebracht werden. Eine gute Entscheidung, gerade in Anbetracht der Zielgruppe. Denn "Summer of Dreams" richtet sich vornehmlich an ein jüngeres Publikum, diejenigen, die gerade Ziel von Mobbing werden, die es bei Klassenkameraden sehen oder, im schlimmsten Falle, sogar anderen antun. Ein hoher Anspruch und ein düsterer Grundton wäre für ein erwachsenes Publikum sicherlich etwas interessanter, würde aber eben die Kids, an die sich der Film primär richtet, vergraulen beziehungsweise überfordern. Doch so ist das alles ganz unterhaltsam verpackt, wenn auch in allerletzter Instanz leicht oberflächlich. Den Kern treffen die Szenen in welchen Mobbing gezeigt wird trotzdem, ohne jemals wirklich drastisch oder, zumindest meinem Empfinden nach, tief ergreifend zu werden.

Was aber durchaus seine Gründe hat. Anstatt das Negative auszuwälzen, um die Leute zu schockieren, konzentriert sich Marquardt auf das Positive: Die Mädchenfreundschaft zwischen Elena und Milla, ihre Gemeinsamkeiten und ihre geteilte Leidenschaft für Musik. Die beiden "neuen Mädels" sind sich so ähnlich, obwohl ihr Status an der neuen Schule anfangs so unterschiedlich war. Die positive Message "Wir sind alle anders, aber gleich viel wert" ist für Kids auch wirksamer als "Mobbing ist böse, weil das Leuten weh tut". Halt alles eine Sache des Tons und der Formulierung. Da kann man auch verzeihen, dass die Erkenntnis der anderen Kids, dass Elena ein Mädel genau wie sie ist, egal, wie sie sich kleidet oder wo sie her kommt, dramaturgisch etwas sehr rasch und unreflektiert präsentiert wird.

Behält man die Zielgruppe im Hinterkopf, macht "Summer of Dreams" also alles richtig. Was aber viel verwunderlicher ist, ist das Drumherum. Ich habe ja nun schon so einiges an deutschen Filmen gesehen, von großen Blockbustern der Marke "Der Untergang" und "Das Leben der Anderen", über "durchschnittliche Produktionen" bis hin zu Amateurfilmchen. Ordnet man "Summer of Dreams" vom Budget dort ein, wäre er ein bestenfalls Independentfilm. Sieht man dann das Ergebnis... ja, man muss gestehen, dass "Summer of Dreams" wesentlich professioneller und teurer wirkt, als er es auf dem Papier ist. Klar, es gibt Abstriche in manchen Kulissen, teilweise sieht man sehr deutlich, dass die Songs eine Tonspur sind und gerade bei Außenaufnahmen ist der Ton nicht immer optimal abgemischt. Ja, manch ein Song endet etwas sehr abrupt, nicht jeder Cut ist wirklich geschmeidig und an wenigen Stellen ist der Score etwas aufdringlicher, als die Szene es benötigt hätte. Auch dramaturgisch gibt es einige Schwächen (der Junge, der in Milla verknallt ist, bleibt etwas in der Luft hängen, die Übergänge sind teilweise etwas zu sauber und undifferenziert und auch die Love-Story wirkt etwas aufgesetzt) und die Darsteller sind alles andere als Profis.

Gerade letzteres verwundert aber kaum. Denn die Darsteller sind nun einmal unbeschriebene Blätter. Und ganz im Ernst, ein Ken Duken hat in Banklady teilweise eine Schauspiel"kunst" an den Tag gelegt, die selbst die durchwachsendste Leistung eines der Darsteller aus "Summer of Dreams" oscarreif aussehen lässt. Nur ist der halt ein Profi. Um es kurz zu machen: Nicht jeder macht seine Sache gut, aber wer deutsches Fernsehen schaut, der wird in "Summer of Dreams" kaum Fehler oder Schwächen zu sehen bekommen, die es dort nicht auch schon zu Hauf von sogenannten Profis allabendlich zu bewundern gibt. Natürlich gibt es auch Ausreißer nach oben, allen voran Joyce Hildebrand, die sehr natürlich und überwiegend glaubhaft agiert. Ohne großartigen Schauspiel-Hintergrund durchaus eine Erwähnung wert.

Was mich zu einem weiteren Kernstück bringt: Den Songs. Weltweit wurden Songwriter, teilweise welche, die für Werke von Britney Spears oder auch Taylor Swift, engagiert, die Songs zu schreiben. Der poppige Mix aus angerockten und balladesken Nummern trifft zwar nicht meinen persönlichen Geschmack, aber er ist eingängig, passend gewählt und transportiert die jugendlichen Gefühle sehr gut. Mir persönlich wäre es zwar lieber gewesen ein, zwei Songs zu streichen und dafür anderen mehr Platz einzuräumen, doch das habe ich ja nicht zu entscheiden. Gesanglich würde manch einer sich sicherlich böse Kommentare von Bohlen anhören dürfen (okay, das trifft auf 95% aller Menschen zu), aber großartige Aussetzer sind mir nicht aufgefallen. Auch hier wieder ein Lob an Joyce Hildebrand: Man merkt, dass sie bei Kids Contest und auch allgemein schon etwas Erfahrung im Gesangsbereich sammeln konnte. Vor der Preview gab es sogar zwei Songs live zu hören und ich kann guten Gewissens behaupten: Da wurde nicht viel dran gedreht, dass das Endergebnis so klingt. Regiesseur Marquardt dürfte das auch erkannt haben, weshalb Joyce auch die größte Rolle einnimmt. Gute Entscheidung.

Am Ende hat Regiesseur Marquardt mit "Summer of Dreams" nicht nur hoch gesteckte Ambitionen, er verwirklicht diese auch. Wer eine anspruchsvolle Aufarbeitung des Themas Mobbing erwartet, der sitzt zwar im falschen Film, doch das soll nicht stören. Denn dieser Film ist mit seinen eingängigen und größtenteils gut vorgetragenen Pop-Songs und dem Fokus auf die Mädchenfreundschaft perfekt auf seine Hauptzielgruppe, Kids (vor allem auch weibliche) zwischen 7 und 16, zugeschnitten. Dabei dürfte er auch Erwachsene, trotz einiger Klischees und dramaturgischer Schwächen, recht gut unterhalten. Vorrausgesetzt man ist Musicals nicht abgeneigt, versteht sich.
Summer of Dreams
(OT: Summer of Dreams)
Regie: Niels Marquardt
Darsteller: Joyce Hildebrand, Diana-Maria Krieger, Nick Wilder, Ellen Grell, Andrea Christina Furrer
Herstellungsland: Deutschland
Herstellungsjahr: 2014
Länge: ca. 123 Minuten
Altersfreigabe: FSK 0
Kinostart: 08.05.2014

Foto: Alexander Fiss