Vom Börsenmakler zum Künstler – Synagoge zeigt heiter-ironische Bilder von John Elsas

Kunst Von Anke Schlicht | am Fr., 18.10.2019 - 13:22

CELLE. Er war seiner Zeit voraus. Mit einem Beruf komme man heutzutage nicht mehr aus und zukünftig schon gar nicht, heißt es aktuell häufig aus mehr oder weniger berufenem Munde. John Elsas beherzigte diese Maxime bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, und das nicht in mittlerem Alter, sondern als Senior. Er war 75 Jahre alt, als er umsattelte, neu durchstartete und sein noch zehn Jahre währendes Leben mit etwas füllte, das ihn persönlich unendlich bereicherte und zudem leise, feine Spuren in der Kunstwelt hinterließ. 

Schon einige Male war der 1851 in Frankfurt geborene und 1935 verstorbene John Elsas mit seinen heiter-ironischen collagenhaften Werken in der Synagoge zu Gast. „Er hat bereits eine kleine Fangemeinde in Celle“, hebt die Kuratorin, Dorothee Hoppe, in ihrer Ansprache anlässlich der Eröffnung der neuen Schau hervor. Unter dem Titel „Die Bilder sind nicht nach Natur“ ist sie bis zum 19. Januar 2020 zu sehen.

Wer häufig Gast bei Vernissagen ist, kennt die typische Haltung der Besucher: Ein ums andere Exponat wird konzentriert, mit leicht vorgebeugtem Oberkörper in Augenschein genommen. Dieses ist auch am Donnerstagabend der Fall, jedoch mit einem Unterschied – ein Schmunzeln, Lächeln oder gar Lachen folgt der Betrachtung. „Was man mit wenigen Mitteln für Gesichtsausdrücke zu Papier bringen kann“, merkt eine Besucherin an. Elsas bediente sich der Schere mit ruhiger Hand, er schnitt Formen aus buntem, manchmal auch glänzendem Papier aus und setzte sie zu Collagen zusammen, in deren Mittelpunkt Menschen stehen, die sich mal spitz, mal resigniert, mal arrogant, selten gleichgültig über ihr soziales Miteinander oder das Leben im Allgemeinen auslassen. „Du gehst zum Film, mein lieber Sohn, und du verschaffst mir die Million“, lautet der Vers, den Elsas stets hinzusetzte, zu einer Darstellung von Mutter und Kind, die in ihrer Überzeichnung kaum mehr braucht, um eine kleine Familiengeschichte wiederzugeben. „Er erzählte in seinen Bildern sehr gerne“, berichtet Dorothee Hoppe. 

In seinem erlernten Beruf des Börsenmaklers konnte er diese Leidenschaft nicht ausleben. „Sie wissen, dass ich über 60 Jahre an der Börse tätig war, dass ich für Banken jahrelang gereist bin und für sie Erfolge erzielte. Auch übte ich eine stetige Börsenberichterstattung aus, die besonders auch in Berlin sehr beachtet wurde“, schrieb John Elsas 1930 an den namhaften Journalisten Siegfried Kracauer. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits Aufmerksamkeit erregt in der Fachwelt, war zu Ausstellungen in Berlin, München, Mannheim und Zürich eingeladen worden. Konsequent hatte er sich zuvor abgewandt von der Welt der Hochfinanz und des Börsenwesens. Nicht mehr als Verachtung empfand er für Wertpapiergeschäfte und die Gier nach schnellem Geld. Lediglich als Material für seine Bilder taugten die Noten mit den Riesenbeträgen darauf.

„Alle Spekulations-Gewinne, die für ihn sind dagewesen, die hat zusammen und mehr noch geholt, ein gewöhnlicher Stubenbesen“, untertitelte er 1930 eine seiner Collagen, die mittels Farbspiel und überzeichneter Gestik und Mimik der Figuren in den Dialog mit dem Betrachter treten. Gelegentlich fiel die Wahl auf Schwarz, etwa wenn er ein Männchen mit Hut, wachen Auges durch eine unwirtliche Landschaft stapfen lässt: „Lern zuerst im Sumpfe gehen, dann wirst Du die Welt verstehn“, lautete der Knittelvers, wie er selbst seine Reime nannte. 
Die Gefahren des Nationalsozialismus erkannte John Elsas, der sein gesamtes Leben in Frankfurt verbrachte, früh. Zahlreiche Collagen befassen sich mit Antisemitismus, er überdauerte nicht nur, sondern ist aktueller denn je. Überrascht hätte es den lebensklugen und weitsichtigen John Elsas wohl nicht, dass die Eröffnung einer sehr sehenswerten Ausstellung mit seinen Werken 84 Jahre nach seinem Tod von Polizisten bewacht werden muss. Die Vorsitzende der veranstaltenden Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Sabine Maehnert, merkt an: „Eine Folge von Halle“.