CELLE. „Heute wird es kontrovers und heute wird provoziert“, stellte Frank Stöber, Vorsitzender des Schulleitungsverbandes Niedersachsen (SLVN), gleich zu Beginn der alljährlichen Herbsttagung klar. Im Europasaal der Congress Union stellten sich Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne und Celles Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge der Diskussion. Unter dem Motto „Beruf Schulleitung: Chancen ergreifen“ wurden Problemfelder des Bildungswesens in Niedersachsen sowie der Stand des Berufsbilds „Schulleitung“ angesprochen.

„Diese Situation kann nicht der Anspruch der Gesellschaft sein“

„Unsere allgemeine Bildungspolitik ist eine Mangelverwaltung. Mit dem, was momentan im Bildungswesen geschieht, verbauen wir uns die Zukunft“, ist Nigge überzeugt. Der dreimalige Vater verwies damit auf die derzeitige Situation der Schulstruktur in Celle. Die hohe Verschuldung der Stadt Celle verhindere, dass Investitionen in der Schulstruktur, wie das geplante Sanierungsprogramm an Celler Schulen, vollzogen werden könne. Gleichzeitig hätten die Kosten aber die Kommunen zu stemmen. Man befinde sich in einem Kreislauf, der ein Gegenarbeiten verhindere. „Diese Situation kann nicht der Anspruch der Gesellschaft sein“, so Nigge. Es sei ein größerer Eingriff in die kommunale Infrastruktur nötig, welcher nur durch eine Zusammenarbeit von Kommune und Politik entstehen könne. „Derzeit sehe ich nicht, dass das Bildungswesen eine hohe Priorität hat“, kritisiert der mit seiner Familie im Sommer zugezogene Celler.

„Jedes Jahr formulieren wir unsere Ziele und ziehen Bilanz, doch am Ende geschieht nichts“.

„Ich möchte den Finger heute ein wenig in die Wunde legen“, begann Stöber im Anschluss seine Rede, in der er scharfe Kritik an der Arbeit des Kultusministers und der Landesregierung äußerte. Stöber verglich die Herbsttagungen der vergangenen Jahre mit einer „Murmeltiertradition“: „Jedes Jahr formulieren wir unsere Ziele und ziehen Bilanz, doch am Ende geschieht nichts“. Der Schulleitungsverband sei es leid, jedes Jahr „grandiose Bilanzen“ des Kultusministers über das Schulsystem zu hören, sondern wolle ernst genommen werden und fordere zur Handlung auf. Neben einer höheren Besoldung der Schulleiter müsse die im Koalitionsvertrag als eigenes Berufsfeld akzeptierte Schulleitung eine ausführliche Beschreibung des Berufsbilds erhalten. Tonne zeige zwar die Bereitschaft zum Zuhören, wobei ihm die Schulleitung aber nicht wichtig sei. „Die Realität bildet sich in einem einzigen Satz ab: Das Berufsbild Schulleiter wurde noch nicht bearbeitet“, kritisiert der Vorsitzende das Kultusministerium. Abschließend forderte Stöber Tonne auf: „Laden Sie uns ein, eine Vision zur Schulleitung zu verwirklichen“.

„Ein wesentliches Merkmal der Debatte über Digitalisierung ist, dass sie nicht stattfindet.“

Tonne stimmte vielen der genannten Kritikpunkte seitens seiner Vorredner zu. Jedoch sei es nicht möglich, alle im Koalitionsvertrag genannten Punkte binnen der vergangenen zehn Monate zu erfüllen, in denen die Regierung existiere. Für Tonne sei vor allem die Zusammenarbeit von Politik und SLVN wichtig: „Ich kann Ihnen heute nicht das gewünschte Ergebnis liefern, aber den Weg, um diese Ziele zu erreichen. Dafür ist eine Mitarbeit Ihrerseits in den Arbeitsgruppen vorgesehen“. Neben den Problemen der Inklusion und Unterrichtsversorgung in Schulen äußerte sich Tonne zur Digitalisierung. „Das Entscheidende in Schulen ist die Interaktion zwischen Menschen. Die Schulen werden von Menschen geleitet, nicht von Technik getrieben. Das Lernen mit digitalen Medien ist nötig, wenn die Schule ein Abbild der Gesellschaft sein soll“, schloss Tonne seine Rede.

Abschließend gab Prof. Dr. Harald Welzer in seinem Vortrag „Die Zukunft der Schule ist nicht digital“ Denkanstöße zur Entwicklung der Digitalisierung in Schulen. Sein Standpunkt: „Ein wesentliches Merkmal der Debatte über Digitalisierung ist, dass sie nicht stattfindet. Alles, was digital ist, scheint übermächtig über die Gesellschaft zu kommen und muss dringend implementiert werden, ohne dass darüber befunden wird, welchem gesellschaftlichen Ziel es eigentlich dient“.

Text: Tom Kornetzke

Das Niedersächsische Kultusminister sieht den heutigen Tag erwartungsgemäß positiver. In der aktuellen Pressemitteilung heißt es, unzensiert und unkommentiert:

1.300 neue Lehrkräfte zum 2. Schulhalbjahr, Stärkung des Berufsbildes Schulleitung und Digitalisierung: Kultusminister Tonne spricht beim Schulleitungsverband

Zum 2. Halbjahr des Schuljahres 2018/2019 schreibt das Land Niedersachsen an den öffentlichen allgemein bildenden Schulen Stellen für 1.300 neue Lehrkräfte aus. Das entsprechende Stellenvolumen sei der Niedersächsischen Landesschulbehörde zugewiesen worden, sagte Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne auf der Herbsttagung des Schulleitungsverbandes am (heutigen) Mittwoch. Damit könnten zwei zentrale Ziele erreicht werden, so Tonne: „Erstens: Jede Lehrkraft, die ausscheidet, kann ersetzt werden. Zweitens können wir jeder Absolventin und jedem Absolventen ein Einstellungsangebot machen. Mit dieser de-facto-Einstellungsgarantie sichern wir uns gut ausgebildete Lehrkräfte aus unseren Studienseminaren.“ Das Einstellungsverfahren sei ein wichtiger Baustein, um die Unterrichtsversorgung in Niedersachsen weiter zu stabilisieren und schrittweise zu verbessern. Von den zum ersten Schulhalbjahr 2018/2019 rund 2.000 ausgeschriebenen Stellen konnten 1.932 besetzt werden, davon 247 mit Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern. Im laufenden Schuljahr werde die landesweit durchschnittliche Unterrichtsversorgung an den allgemein bildenden Schulen bei rund 99 Prozent liegen, erklärte der Niedersächsische Kultusminister. „Wir werden also eine leichte statistische Verbesserung erreichen. Das ist aber natürlich keine Verbesserung, die mich bereits zufriedenstellt“, betonte Tonne mit Blick auf die Unterrichtsversorgung. Daher werde das „Stabilisierungspaket Unterrichtsversorgung“ konsequent weiter umgesetzt, um weitere positive Schritte zu machen.

Um Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger besser auf die Tätigkeit in den Schulen vorzubereiten, würden drei neue Regelungen umgesetzt, kündigte Tonne an. „Erstens werden Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger nach der Einstellung in den Schuldienst sofort einem Studienseminar zugewiesen. Zweitens nehmen die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger an der Einführungswoche in den Studienseminaren teil und drittens besuchen sie, wenn sie erst im Laufe des Schuljahres eingestellt werden, möglichst zeitnah einen neu zu konzipierenden Einführungskurs des NLQ zu pädagogischen, didaktischen und methodischen Grundlagen des Unterrichtens“, so der Kultusminister. Zum laufenden Schuljahr 2018/2019 waren unter den 1.932 neu eingestellten Lehrkräften auch 247 Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. „Wir wollen kein Absenken der Qualitätsstandards, sondern eine weiterhin höchstmögliche Unterrichtsqualität an unseren Schulen in Niedersachsen. Deshalb setzen wir auf Qualifizierung und Fortbildung“, betonte Tonne.

Um das Berufsbild Schulleitung zu stärken, würden zudem die Bereiche Qualifizierung, Entlastung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen konkret bearbeitet. Außerdem wurde die Steuerungsgruppe „Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Lehrkräften und Schulleitungen“ eingerichtet. Darüber hinaus würden die Verbände eingeladen, um mit dem Ministerium gemeinsame Ideen für die Ausgestaltung des Berufsbildes Schulleitung zu entwickeln. „Außerdem wird derzeit an einem Katalog von Musterkonzepten gearbeitet, welche der Arbeitserleichterung für Schulleitungen dienen. Dies könnten Methodenkonzepte für Lehrkräfte sein, die anhand detaillierter Angaben Schritt-für-Schritt-Anleitungen für verschiedene Lehr- und Lernmethoden bieten oder Konzepte für den Ganztag“, kündigte Tonne an. All dies solle keinesfalls eine verbindliche Vorgabe für die Schulen darstellen, sondern sei als Unterstützung und Arbeitserleichterung zu verstehen.

Niedersachsen sei zudem mehr denn je auf dem Weg, seine Schülerinnen und Schüler intensiv auf das Lernen im digitalen Wandel vorzubereiten, erklärte Tonne auf der (heutigen) Tagung. Der Masterplan Digitalisierung, der mit einem Volumen von rund 850 Millionen Euro ausgestattet ist, sei für die Schulen ein großer Meilenstein auf dem Weg zum Lernen mit digitalen Medien. „Bis 2021 sollen in Kooperation mit den Schulträgern alle niedersächsischen Schulen mit schnellem Gigabit-Internetanschluss für den Internet-Zugriff ganzer Klassen ausgestattet werden. Darüber hinaus werden neben den Investitionen durch den niedersächsischen Masterplan zudem der so genannte DigitalPakt des Bundes und der Länder für eine deutliche Verbesserung der IT-Ausstattung in den Schulen sorgen“, so Tonne. Fünf Milliarden Euro sollen in den nächsten fünf Jahren für den Ausbau der IT-Infrastruktur den Schulen zur Verfügung stehen, knapp zehn Prozent, also ca. 468 Millionen Euro, davon für Niedersachsen.

Insbesondere die WLAN-Ausleuchtung sowie die Ausstattung der Klassenräume mit Anzeigegeräten sollen im Zentrum stehen. „Digitalisierung darf keine Frage der Technik bleiben. Sie stellt vielmehr neue Rahmenbedingungen für didaktisches Handeln dar. Digitalisierung und Pädagogik sind zusammenzubringen, damit Lernen ganzheitlich erfolgen kann. Unser Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler durch Bildung zu befähigen, in einer digital geprägten Welt souverän und sozial verantwortlich handeln zu können. Dieser Herausforderung stellen wir uns!“, betonte der Kultusminister. Gleichzeitig betonte Tonne, dass die Digitalisierung in den Schulen in Niedersachsen von Menschen begleitet werde und nicht von Technik getrieben sein dürfe. Es gehe stets darum, die Menschen, also vor allem die Lehrkräfte, Schulleitungen und die Schülerinnen und Schüler, mitzunehmen.

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