Theater-Collage um Günther Kohlmeyer wird zum gefeierten Dorf-Event

Kultur + Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Mo., 07.10.2019 - 18:51

LOHE. Wie hätte dieser Mann, der seine Zuschauer so freundlich, ein Kaninchen im Arm haltend, vom Cover des Programmheftes aus anblickt, diesen Sonntagnachmittag genossen! Musik und Poesie erfüllen den Garten und das Hofgelände des herrschaftlichen Anwesens, in dem er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Hof Kohlmeyer war es damals, Hof Hellberg ist es heute. Günther Kohlmeyer war der 1909 geborene Sohn des Hauses, er steht im Mittelpunkt der Theater-Collage, die der SV Dalle und die Arbeitsgemeinschaft Dorfgeschichte(n) rund um Joachim Gries und Klaus Drögemüller für alle an Heimatgeschichte Interessierten entworfen haben.

Und derer gibt es, wie die Resonanz auf das Event am Originalschauplatz beweist, sehr viele. Bis auf den letzten Platz sind die Sitzreihen gefüllt. „Kohlmeyer – ganz am Ende“ haben die Veranstalter getitelt. Das Ende eines hochsensiblen, der Welt der Dichtkunst und vor allem der Musik zugewandten Mannes, der seinen Platz im Leben nicht fand. Seine musische Begabung hätte sich wohl an einem anderen Ort, unter anderen Umständen wirklich entfalten und seinem Werdegang einen stützenden Rahmen verleihen können. Aber in die von harter körperlicher Arbeit und pragmatischem Denken geprägte Heideregion passte das Wesen dieses Mannes nicht. 

Das frühere Schlosstheater-Ensemble-Mitglied Felix Meyer lässt ihn an dem Ort, der für ihn Heimat war und an den er sich von den verschiedenen Stationen, an die ihn der Zweite Weltkrieg und die Gefangenschaft verschlugen, zurücksehnte, zu Wort kommen, indem er aus seiner 1942 – mit 33 Jahren – geschriebenen „Lebensbeichte“ und aus seinen selbst verfassten Gedichten liest. „Allein die Musik gibt mir Kraft, sie ist der wahre Freund für Freud und Leid“, trägt Meyer ausdrucksstark vor, „es gleicht der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen, einen wahren Freund in einem Menschenleben zu finden.“ Auch seine Frau Else erfüllte diesen Anspruch nicht. Seine Weigerung, die Tochter der Familie Winkelmann vom benachbarten Anwesen in Starkshorn zu heiraten, um die Frau seines Herzens, Else Raab, zu ehelichen, brachte ihm nicht das ersehnte Glück.

Es war übliche Praxis, den materiellen Reichtum durch eine entsprechende Heiratspolitik zu mehren. „Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er sich dem Wunsch der Eltern gefügt hätte“, heißt es in den heimatkundlichen, von der AG zusammengetragenen Erläuterungen, die von Musik unterlegt als Filmsequenz eingespielt werden. „Es ist auch die Geschichte eines alten Heidehofes, ein Stück Heimatgeschichte“, erklärt Joachim Gries vor einem Publikum, zu dem auch sehr alte Menschen gehören. Es rührt an, als sie einstimmen in „Ännchen von Tharau“, das von Kirchenkreiskantorin Katrin Hauschildt am Piano vorgetragen wird. 

Weder die recht niedrigen Temperaturen noch die erforderlichen Umzüge auf dem Gelände, die Teil der Inszenierung sind, halten auch nur einen der Gäste davon ab, bis zum Ende zu bleiben. „Das ist schön“, ist aus ihren Reihen zwischendurch immer wieder zu hören. Dieser Eindruck ist der gelungenen Gesamtkonzeption, der Professionalität von Felix Meyer, aber auch ganz wesentlich der mit Bedacht ausgewählten und von Katrin Hauschildt meisterlich dargebotenen Musik geschuldet. Günther Kohlmeyer komponierte auch selbst, aber seine Noten-Niederschriften müssen erst spielbar gemacht werden, erläutert Gries. Und so dienen das B-Dur Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier von J.S. Bach, Scarlatti-Sonaten, das Andante espressivo von Felix Mendelssohn Bartholdy sowie das Lied von Bach/Busoni „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ als Untermalung für Günther Kohlmeyers Leben, in dem auch die Liebe zur Natur ihren Platz hatte. Dichter kann eine Atmosphäre kaum sein: Wolken ziehen am Himmel, das Grün der Nadelbäume umrahmt die dörfliche Szenerie. Felix Meyer hat Platz genommen auf einem Berg aus Feldsteinen, um zu lesen aus den Erinnerungen und Gedichten, die die Kriegsjahre lebendig werden lassen. 

Das Portal vor dem Herrenhaus bildet die letzte Station. „Eine Geschichte auch von feiner Gesellschaft und Tod“, hatte Joachim Gries in seinen Erläuterungen angemerkt. Ein alter Bienenkorb steht unter dem Aufgang, als wäre er jahrzehntelang vergessen worden. Er ist wie der Putz, der von der Treppe zum Portal des ansonsten top-sanierten Hauses bröckelt, Sinnbild für das Schicksal der einstigen Besitzer. Imkerei gehörte zu den Einnahmequellen der Heidebauern, die großen Höfe waren von vornherein auf überregionale Wirtschaft ausgerichtet, einige Betreiber waren so erfolgreich, dass sie zu "Heidekönigen" wurden. Vater Kohlmeyer war einer von ihnen, er lebte auf großem Fuß, verpasste jedoch, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und sich umzustellen. In den 1920er Jahren ging es bergab, die Familie musste umziehen in ein kleines Arbeiterhaus am Dorfrand. Mit einer Pelztierzucht versuchte das Familienoberhaupt an frühere wirtschaftliche Erfolge anzuknüpfen, vergebens.

Harte körperliche Arbeit musste verrichtet werden. Es waren die Frauen der Haushaltsgemeinschaft, die diesen Part übernahmen. Einst hatte der Künstler Albert König ein Bild vom Herrenhaus in voller Pracht gemalt, nie wieder nach dem Niedergang warf Günther Kohlmeyers Mutter einen Blick darauf. Sie verbitterte, während ihr Mann sich weigerte, die veränderten Lebensbedingungen anzuerkennen. „Er erschein weiterhin im feinen Anzug zum Essen, verlangte tadelloses Geschirr und Besteck, legte die weiße Stoffserviette um und ließ sich bedienen“, berichtete eine frühere Angestellte in der Filmsequenz. 

Und Günther? Der saß am Klavier. „Ich erinnere mich an ihn nur klavierspielend“, erzählt sie. Ein Feingeist, der sich den Alkohol zum Freund erkor, als klar wurde, dass sich seine Wünsche von einem glücklichen Leben nicht erfüllen würden. Mit nur 48 Jahren starb er im Celler Krankenhaus. Alle Beteiligten an dieser großartigen Performance haben ihm ein Denkmal gesetzt mit einem Format, das alles vereinte, was Günther Kohlmeyer wichtig war: Musik, Poesie und Heimat. Eine Aussage Joachim Gries‘ macht Hoffnung, dass diese Produktion der AG Dorfgeschichte(n) nicht die einzige bleibt: „Ich habe hier schon in Gesprächen gehört, Sie wissen mehr als wir über unsere Dorfhistorie, bitte bleiben Sie, erzählen Sie.“