CELLE. In der Theorie sind die Aufgaben und Ziele des Strafvollzugs eine sinnvolle Sache. Aber: In vielem erreicht der Vollzug nicht das, was er anstrebt. Die Rahmenbedingungen stimmen oft nicht. Zu dieser Feststellung kommt der Rechtsanwalt und Autor Thomas Galli, der vergangene Woche zu Gast war im „Projekt Brückenbau“, der Anlaufstelle der christlichen Straffälligenhilfe Schwarzes Kreuz in Celle. Anhand vieler Beispiele schilderte er, was aus seiner Sicht nicht rund läuft im Strafvollzug.

Anderthalb Jahrzehnte war er unter anderem in der Leitung der Justizvollzugsanstalt Zeithain, hat außer Jura auch Kriminologie und Psychologie studiert. Erfahrung hat er also reichlich. Und er warnte gleich: „Ich erzähle Ihnen nichts Neues.“ Alles sei lange bekannt. Aber es werde viel zu wenig darüber gesprochen. „Man muss die Dinge aber benennen und darf sie nicht schönreden.“

Es gehe nicht darum, irgendjemandem aus dem Strafvollzug zu kritisieren; das ist Thomas Galli wichtig. Gute Arbeit werde hier geleistet. Aber sie habe oft nicht den Effekt, den sie haben könnte. Für ihn ist das Prinzip von Schuld und Vergeltung immer noch das, was im Strafvollzug grundlegend ist:  Das Maß der Schuld bestimmt das Strafmaß. Erst innerhalb dieses Rahmens geht es um Resozialisierung, Sicherheit, Abschreckung und die Befriedigung eines gewissen Gerechtigkeitsgefühls der Gesellschaft.

Aber was davon wird auch erreicht? Sicherheit der Gesellschaft vor dem Täter, ja. Hier allerdings gebe es eher ein Zuviel als ein Zuwenig: „Ich schätze, etwa 90% der Gefangenen könnte entlassen werden und zum Beispiel soziale Arbeit verrichten, ohne dass von ihnen eine Gefahr ausginge.“ Und die Opfer müssten natürlich zu ihrem Recht kommen. Aber auch sie seien keine einheitliche Gruppe. Man könne nicht einfach sagen, die Opfer wollten Vergeltung. „Eine Buchhalterin eines meiner Klienten hatte Geld unterschlagen. Mein Klient wollte, dass sie weiter für ihn arbeitet und den Schaden wieder gut macht. Stattdessen kam sie dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Wozu?“

Als eine Widersprüchlichkeit unter vielen nannte er Lockerungsmaßnahmen. Um sich auf das Leben in Freiheit vorzubereiten, sei es natürlich sinnvoll, wenn ein Gefangener schon in der letzten Zeit in Haft Gelegenheit hat, das Gefängnis ab und zu allein zu verlassen. Falls dabei aber etwas passiere, würden Einzelne dafür verantwortlich gemacht.

Galli nannte ein Beispiel, bei dem während solch eines Ausgangs ein Gefangener leichtfertig einen Autounfall mit einem Toten verursachte.  Der Abteilungsleiter und die Psychologin des Gefangenen hatten den Ausgang genehmigt. Daraufhin wurden sie vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Natürlich wolle jeder Gefängnismitarbeiter so ein Risiko für sich vermeiden. Deshalb würden Lockerungen viel zu selten genehmigt. Das wiederum erschwere eine Resozialisierung.

Galli sprach einfühlsam und mit hoher Wertschätzung von den Menschen, die von all dem betroffen sind, ob Justizmitarbeitende, Inhaftierte oder Opfer. Entsprechend offen und feinfühlig entwickelte sich auch die Diskussion im Anschluss. Ein Gefängnispsychologe legte seine Sicht der Dinge dar, eine Haftentlassene erzählte von ihrer Situation, der Bruder eines Inhaftierten schilderte seine Schwierigkeiten. Ein Konsens bildete sich unter anderem in zwei Dingen heraus: Die Verantwortung dafür, wenn während einer Lockerungsmaßnahme etwas passiert, müsse weg vom einzelnen Justizmitarbeiter. Er oder sie dürfe nicht so ein hohes persönliches Risiko tragen für etwas, das so schwierig einzuschätzen und zu beeinflussen sei.

Zum anderen: Viele Straftäter hätten Schwierigkeiten damit, Verantwortung zu übernehmen. Das aber lerne man in Erfahrungen von Bindung. Genau daran aber, an soliden tragfähigen Beziehungen, mangele es den meisten Menschen im Gefängnis. Galli  nannte ein Beispiel aus der Forschung, das nahelegt, dass selbst auf nur kurze Zeiträume angelegte verlässliche Beziehungen – wie die eines Kindes zu einem Sozialarbeiter – ein Leben langfristig positiv beeinflussen können. „Gefangene ohne Kontakte können solch eine Beziehung zum Beispiel zu einem Ehrenamtlichen finden. Auch zu Gott ist das möglich“, so Galli.



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