„Wir verlieren unsere Tierhalter“ – Kreisjägermeister mahnt im Umweltausschuss

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Mi., 16.12.2020 - 22:38

CELLE. „Das war eine emotionale Anmerkung“, kommentierte der Vorsitzende des Kreis-Umweltausschusses, Ulrich Kaiser, am Dienstagnachmittag die Äußerung von Hans-Günter Grunke (CDU). „Ich lege Ihnen ein gerissenes Schaf vor die Haustür“, hatte dieser an Annegret Pfützner (Grüne) gewandt gesagt und hinzugefügt: „Das ist Kopfkino, das, was Sie dort sehen, vergessen Sie nicht, nicht an dem Tag des Geschehens, auch eine Woche danach nicht und einen Monat später ebenfalls nicht!“ Auslöser war Annegret Pfützners Einwand, es sei doch auch erfreulich, dass der Wolf gerade jetzt vor dem Hintergrund der grassierenden Afrikanischen Schweinepest das Schwarzwild dezimiere. „Das Wort ‚erfreulich‘ würde ich im Zusammenhang mit dem Wolf nie verwenden“, leitete daraufhin der frühere Pferde- und Schafzüchter Grunke seine Erwiderung ein.

Kreisjägermeister, Hans Knoop, hatte zuvor seinen Bericht ausschließlich dem Thema Wolf gewidmet und die zunehmend von ihm wahrgenommene psychische Belastung der Weidetierhalter aufgrund von Wolfsrissen zum Ausdruck gebracht. Ihn erreichten in letzter Zeit sehr viele Anrufe von dieser Berufsgruppe. Im neunten Jahr nach der Rückkehr des Beutegreifens nach Niedersachsen verstärkt sich bei Knoop der Eindruck: „Wir verlieren unsere Tierhalter.“

Aktuell leben in Niedersachsen nach den aktuellen Zahlen des Wolfsmonitorings 35 Wolfsrudel und zwei Wolfspaare, ein Rudel besteht durchschnittlich aus sechs bis acht Tieren. „Es können aber in den Territorien auch schon mal Zahlen bis 15 erreicht werden“, erläutert der Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft, Raoul Reding. Der Anteil im Landkreis Celle und nähere Umgebung kann mit rund acht Rudeln beziffert werden. Reding bestätigt Knoops im Ausschuss getroffene Aussage, der Landkreis Celle weise die höchste Wolfsdichte der Welt auf, nicht. „Aufgrund der hohen Beutetierdichte ist die Zahl an Wölfen im internationalen Vergleich sehr hoch“, sagt Raoul Reding. Verglichen mit dieser hohen Anzahl sei das Vorkommen von Rissen gar nicht so hoch, berichtete Hans Knoop im Umweltausschuss. „Aber das Gegenteil ist der Fall“, fügte er hinzu, „denn im Landkreis Celle sind vergleichsweise wenige Nutztiere auf Weiden zu finden.“  Laut Wolfsmonitoring, das in der Verantwortung der Landesjägerschaft liegt, gab es im Monitoringjahr 2019/2020 in Niedersachsen 1087 vom Wolf verursachte Nutztierrisse, im Jahr zuvor waren es 420.

Im November erließ die Landesregierung eine Niedersächsische Wolfsverordnung, die „den Abwägungsprozess zwischen dem Schutz der gefährdeten Art Wolf und der technischen und wirtschaftlichen Zumutbarkeit beim Nutztierhalter in den unterschiedlichen Regionen Niedersachsens erleichtern soll.“ Laut Landesjägerschaft wurden eine Reihe von Begriffsdefinitionen vorgenommen und Ausnahmetatbestände für das Verscheuchen, Vergrämen und Töten von auffälligen Wölfen näher präzisiert.

Knoop machte indes deutlich, wie wichtig die Berufsgruppe der Tierhalter auch für die Artenvielfalt sei, die Gespräche mit den Betroffenen hätten ihm gezeigt: „Die Situation macht sie psychisch kaputt.“