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Zukunft - Gesellschaft - Vision

Über morgen und über Celle diskutieren – gelungener Auftakt bei B&K

18.11.2018 - 22:07 Uhr     CELLEHEUTE    0


CELLE. „Die wollen mir ja gar kein Auto verkaufen“, wundert sich ein Gast, der eigens aus Kirchhorst nach Celle angereist war, um die Premiere der Initiative „Über Morgen“ der Automarke MINI zu erleben. Mit ihm und weiteren 49 Gästen (die Teilnehmerzahl war begrenzt) war jeder Stuhl im Autohaus B&K Westercelle besetzt und das Interesse groß, obwohl niemand so recht wusste, was ihn konkret erwartet.



Premiere auch für Autohaus-Chef Wilhelm Schütt – er moderierte an diesem Abend zum ersten Mal. Aber auch in dieser Funktion nutzte er nicht einmal im Nebensatz die Möglichkeit, für bestimmte Fahrzeuge zu werben oder Aktionen anzupreisen. Heute sollte es allein darum gehen, urbane Herausforderungen zu beleuchten: Welchen Einfluss können Bürger in ihrer Stadt haben und wie entsteht ein Gefühl von Nachbarschaft und Zugehörigkeit? Drei auf dem ersten Blick thematisch nicht zusammenhängende Vorträge bildeten die Basis für anregende Diskussionen unter den Teilnehmern.

Corinna Sy aus Berlin beeindruckte gleich als erste Rednerin mit ihrem Projekt CUCULA. Das begann mit einem Kälteobdach für fünf Westafrikaner, die 2013 zusammen mit anderen Flüchtlingen auf dem Berliner Oranienplatz für eine gerechte Asylpolitik stritten. Damit sie etwas tun und lernen konnten, wurde ein Bauworkshop ins Leben gerufen. Die einfachen, funktionalen Möbel des italienischen Designers Enzo Maris waren zum Selbermachen gedacht und damit ideal für Menschen, die nach Jahren der Flucht und Passivität wieder Selbstwirksamkeit spüren wollten. Bald kam die Idee, die Möbel zu verkaufen und aus dem Erlös den Lebensunterhalt sowie die Bildung der Möbelbauer zu finanzieren. Jessy Medernach und Corinna Sy stießen in der Ideenphase hinzu und gemeinsam traf man den Entschluss, ein Unternehmen von und für Flüchtlinge zu gründen, das Designklassiker produziert und vertreibt. Eine crowdfunding-Kampagne zeigte nicht nur, dass das Modell funktionierte, sondern auch, dass ein breiter Zuspruch existierte, etwas an der damaligen Flüchtlingspolitik zu ändern. Heute hat sich das Projekt zu einem realen Betrieb mit Lernwerkstatt entwickelt, der als Manufaktur Designobjekte produziert.

Für die Gründung seines Vereins „Zeichnen gegen Mobbing“ ist der 22-jährige Jurastudent Marek Fink aus Hannover 2017 mit dem RTL-Ehrenamtspreis ausgezeichnet worden. Fink möchte mit dem Verein Lehrer und Schüler für die Folgen psychischer Gewalt sensibilisieren. Er berichtete an diesem Abend von seinen eigenen Erfahrungen – auch er litt als Schüler unter Mobbing. Mit Anti-Mobbing-Workshops sollen Kinder die Möglichkeit erhalten, sich auf die Potenziale der Gesellschaft von morgen vorzubereiten. Für das nächste Projekt benötigt der Verein ca. 5000 Euro. Die ersten 1000 Euro fanden sich bereits an diesem Abend. Die Celler Unternehmerin Claudia Kuhnert hatte diese vor wenigen Wochen an ihrem 50. Geburtstag gesammelt und sie sofort diesem Projekt zugesprochen. Das war „gelebte Nachbarschaft“ zum Anfassen.

Peter Fehlhaber als letzter Gastredner verzichtete auf einen langen Vortrag, sondern zeigte zunächst den offiziellen Celle-Imagefilm der Stadt, der Menschen für ihre Stadt sprechen lässt und danach die Ergebnisse einer eher ernüchternden Studie des ZDF, nach der Celle von 401 getesteten Städte gerade mal Platz 320 erreicht – hinter Lüneburg und Uelzen. Woran diese Diskrepanz zwischen Angebot und Wahrnehmung liegt, wollte Fehlhaber gemeinsam mit den Gästen herausfinden und ließ sie mit Mikrofon bewaffnet aktiv am Geschehen teilnehmen.

Während Teilnehmerin Isabella monierte, dass in der Stadt nichts los sei und sie abends z. B. keinen Wein mehr in einem Lokal trinken könne, konstatierte eine junge Teilnehmerin, dass die Stadt alles böte, was sie brauche – von Kultur über Sport bis Freizeit. Viel Zustimmung erhielt Ralph Kuhnert, der sich über die „Blockade-Politik“ im Stadtrat ärgert. Wenn gute Ideen deswegen nicht gut seien, weil sie von der jeweils ‚falschen Partei‘ vorgetragen würden, ginge es in der Stadt nicht voran. Ortsbürgermeister und CDU-Ratsmitglied Klaus Didschies hörte aufmerksam zu – auch was die allgemeine Kritik am Verkehrskonzept der Stadt betraf, das freundlich ausgedrückt an vielen Stellen kein Konzept erkennen lasse.

Fazit nach gut 30 Minuten Diskussion: Auch mutmaßliche Fakten werden unterschiedlich wahrgenommen. „Die Wahrheit“ gebe es ohnehin nicht – was am Beispiel der Einleitung von Corinna Sy deutlich wurde. Sie hatte recherchiert, dass Celle 65000 Einwohner habe. Wikipedia hält rund 69000 für die korrekte Zahl und die Stadt Celle ca. 70000. Es gibt stets sowohl mehrere Seiten einer Geschichte als auch mehrere Interpretationen und niemand habe die sprichwörtliche Weisheit mit Löffeln gegessen. Ein Anfang eines guten Miteinanders seit bereits damit getan, wenn man die Meinung des anderen stehen lasse, ohne sie teilen zu müssen oder der Person gar böse Absichten zu unterstellen. Manches Missverständnis ließe sich sofort klären, wenn man aufmerksamer zuhöre oder genau liest, was wirklich geschrieben wurde.

Einig waren sich alle Teilnehmer in mindestens einem Punkt: So ein Abend wartet förmlich auf eine Fortsetzung.

Fotos: Emma Weller

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