Umfrage zu Umbenennung von Straßennamen: "Komödienschauspiel der Geschichte"

Von Redaktion | am Do., 13.08.2015 - 20:49

In der Diskussion um die mögliche Umbenennung von Straßennamen führte der Heimatforscher Hendrik Altmann eine Umfrage durch (CelleHeute berichtete, siehe auch unsere Serie "Braunes Celle"). Seit einiger Zeit erhitzt dieses Thema die Gemüter. Im Kern geht es wohl mehr ums Prinzip als um lebensverändernde Entscheidungen. Es geht um Geschichte – und den Umgang mit dieser. Die Lösung könnte näher liegen als vermutet, aber „einfache“ Varianten sind scheinbar unbeliebt. Die Diskussion wurde bislang ohne die Öffentlichkeit geführt - lediglich in sozialen Netzwerken, auch in unserer Facebook-Ausgabe, fanden mehr oder weniger sinnreiche Debatten statt. Nahezu 100 Prozent der Teilnehmer spricht sich zumindest dort gegen weitere Umbenennungen aus. Die hier vorgestellte Umfrage richtet sich gezielt an die öffentliche Meinung zum Thema „Straßenumbenennungen in Celle“. Fast 600 haben sich an dieser beteiligt, insofern hat diese eine gewisse Aussagekraft. Wir geben Altmanns Auswertung ungekürzt und unkomentiert wieder:

Rommelstr„Geschichte“ ist laut Duden ein politischer, kultureller und gesellschaftlicher Werdegang. Es ist der Entwicklungsprozess eines bestimmten geografischen oder kulturellen Bereichs. Wie Lücken und Misserfolge im privaten Lebenslauf, so besitzt auch der geschichtliche Werdegang gewisse Makel. Seit dem Auszug aus dem Paradies füllten sich die Geschichtsbücher nämlich nicht zuletzt mit einer gewaltigen Menge an Leid und Elend. Es ist nur menschlich diese Dinge gerne auszublenden, denn auch im eigenen Lebenslauf liest man Schlechtes nur ungerne.

In einer Zeit in der sich „patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) einsetzen und in sozialen Netzwerken die Beiträge über Zuwanderungspolitik an der Tagesordnung sind, möchte man als Deutscher gerne die Zeit des Dritten Reiches aus dem geschichtlichen Werdegang streichen. Während in Indien – offenbar aus mangelnder Kenntnis über die Sachlage – Eiscreme inzwischen mit Adolf Hitler beworben wird, ist man hierzulande bemüht dieser geschichtlichen Epoche mit größtmöglicher Ablehnung zu begegnen ohne sie dabei zu verleugnen. Ähnliches erlebten 1945 die alliierten Truppen als sie deutschen Boden betraten: der Krieg war real, den Holocaust gab es. Nur treue Anhänger der NSDAP fand man im April / Mai 1945 erstaunlicherweise sehr selten.

„...Verursachern des NS-Regimes sollte nicht die Ehre eines Straßennamens zuteil werden...“

So erscheint die Debatte über Celler Straßennamen wie ein Komödienschauspiel der Geschichte – nur dass sie weniger Interessenten hat. Die Lebensdauer einiger Celler Straßentitel ist jedenfalls recht kurz. Dafür wurde allerdings selbst Sackgassen zuweilen ein absurdes Maß an Aufmerksamkeit zuteil. Im Fall des Adolf-Hitler-Platzes (heute: Thaer-Platz) lässt sich die bereits 1945 erfolgte Umbenennung sicher nachvollziehen. Unterstützern und Verursachern des NS-Regimes sollte nicht die Ehre eines Straßennamens zuteil werden. Aktuell wird über die Umbenennung der Rommelstraße und der Stülpnagelstraße diskutiert. Der historische Hintergrund des Generalfeldmarschalls, Erwin Rommel und des Generals der Infanterie, Otto von Stülpnagel mögen für den Moment ausgeklammert bleiben.

Von den lokalen Medien mit vollster Aufmerksamkeit bedacht beschäftigt das Thema längst auch die Politik. Zuletzt sah sich Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende berufen, die Entscheidung des Ortsrates in Klein Hehlen zu kritisieren. Dieser hatte beschlossen die Straßennamen beizubehalten. Erneut soll nun eine wissenschaftliche Basis geschaffen werden, um eine mögliche Umbenennung zu prüfen. Dabei scheint ein wichtiger Faktor aus dem Fokus der Entscheidungsträger geraten zu sein: die öffentliche Meinung. Also die Meinung derjenigen, welche nicht nur die betreffenden Straßen benutzen, sondern auch die Zeche für das mögliche Umbenennungsspektakel zahlen müssen. Unter anderem auf CelleHeute.de wurde eine unabhängige Umfrage geteilt, die eben dieser öffentlichen Meinung auf den Grund gehen sollte.

Es beteiligten sich 586 Personen an der Umfrage, 582 beantworteten alle 18 Fragen, 495 stammen aus Celle. In 18 Fragen konnten die Teilnehmer ihre Meinung zum Thema „Umbenennungen von Straßen/Plätzen“ äußern. Die Mehrzahl der Befragten war zwischen 20 und 50 Jahre alt. Mit knapp 17% waren die 50 bis 70 Jährigen in der Umfrage nur unterdurchschnittlich vertreten.

Die Frage „Halten Sie Namensänderungen in Celle für wichtig?“ beantwortete die Masse der Teilnehmer mit „nein“. Lediglich 21,1% sahen das Thema als wichtig für Celle an.

Die nachfolgenden Fragen dienten dem Ziel, zwischen einer Mitgliedschaft in der NSDAP und möglichen Kriegsverbrechen bzw. Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu differenzieren. Auf die Aussage „Wer in der Zeit zwischen 1933-1945 in der NSDAP aktiv war, sollte nicht Träger eines Straßennamens sein“ antworteten ca. 72% mit „nein“. Die Kontrollfrage „Wer nachgewiesen in der Zeit zwischen 1933-1945 in der NSDAP aktiv gewesen ist, sollte NICHT Träger eines Straßennamens sein“ wurde ebenfalls von rund 70% mit „nein“ beantwortet. Grundsätzlich schlossen die Teilnehmer somit nicht aus, dass Personen, die im NS-Regime aktiv waren Träger von Straßennamen sein können.

65,6% der Befragten sprachen sich dagegen aus, dass Personen, die sich nachweisbar NS-Verbrechen schuldig gemacht haben, Träger von Straßennamen sein können. Allerdings gaben 68,3% an, dass Straßen durchaus nach NSDAP-Aktiven benannt werden können, wenn diese selbst keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt hatten.

Etwa 70% gaben an, dass eine Straße ihren Namen beibehalten sollte, wenn sie diesen bereits seit mindestens zwei Generationen trägt.

Der These „Eine Entscheidung über die Umbenennung eines Straßennamens steht der zugehörigen Gemeinde zu“ befürworteten mehr als 70% der Teilnehmer. Die verbleibenden 26,3% sprachen sich dafür aus, dass die Stadt Celle über etwaige Umbenennungen entscheiden sollte.

„Es wäre sinnvoll einen Straßennamen nicht zu ändern – es wäre besser über die Geschichte an dieser Stelle zu informieren...“

Die Mehrheit von 72,1% stimmte der Aussage „Straßennamen repräsentieren allgemein unsere Geschichte - sie sollten beibehalten werden“ zu. Nur 16,7% der Teilnehmer gaben in diesem Zusammenhang an, dass sich das Image der Stadt Celle verbessert, wenn Straßennamen geändert würden.
Die Aussage „Es wäre sinnvoll einen Straßennamen nicht zu ändern – es wäre besser über die Geschichte an dieser Stelle zu informieren, z.B. durch eine Hinweistafel zum Namensgeber, die unter Umständen auch dessen negative Vergangenheit beleuchtet, zu informieren“ fand mit 73,1% große Zustimmung. In Bezug auf die Dringlichkeit der öffentlichen Diskussion war sich die überwiegende Mehrheit von 82,3% allerdings einig: die Politik habe Wichtigeres zu tun, als sich mit derartigen Namensänderungen zu befassen....

„Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat...“ Johann Wolfgang von Goethe

Sicherlich ist eine Umfrage mit einer so geringen Stichprobe nur eine Tendenz und besitzt diverse Schwachstellen. Vor allem die Tatsache, dass die Umfrage ausschließlich online verfügbar war und über soziale Netzwerke geteilt wurde, legt nahe, dass eher wenige ältere Personen daran teilgenommen haben könnten. Dabei gibt es bereits bei der Frage nach der Gewichtung dieses Themas gravierende Unterschiede zwischen den Altersklassen. Ältere Personen, welche die NS-Zeit selbst erlebt haben, sahen das Thema grundsätzlich als wichtiger an. Es ist somit zu vermuten, dass jüngeren Menschen dem Thema eine geringere Bedeutung beimessen, da sie diese Zeit nicht selber erlebten.

Die Thematik besitzt dennoch heute eine gesteigerte Brisanz. Natürlich geht es nicht um lebensnotwendige Entscheidungen - würden die betreffenden Straßen nach seltenen Apfel- oder Birnensorten benannt, wäre das Thema schnell vom Tisch. Aber so einfach ist es nicht – es geht um den grundsätzlichen Umgang mit der eigenen Geschichte.

Es liegt auf der Hand, dass Feinden der Verfassung kein öffentlicher Raum, bzw. eine Ehrung in einem solchen, zuteil werden soll. Sicherlich muss im Einzelfall geprüft werden wessen Name auf ein Straßenschild gehört. Allerdings kann ein verantwortungsbewusster Umgang mit der eigenen Geschichte auch nicht darin bestehen, dass alle Spuren der Vergangenheit ins Museum verbannt werden. Ohnehin wäre es praktikabler die bestehenden Straßennamen beizubehalten und entsprechende Hinweistafeln unterhalb der Straßenschilder zu installieren. Diese müssten den jeweiligen Personennamen um entsprechende Informationen ergänzen. Dabei wären die Erfolge des Namensgebers objektiv durch die, als kritisch bewerteten, Lebensereignisse desselben zu benennen. In der vorliegenden Umfrage sprach sich die Mehrheit der teilnehmenden Personen für diese Variante aus.

Weder Erwin Rommel noch Otto von Stülpnagel besitzen einen direkten Bezug zur Stadt Celle. Eine Umbenennung zu Gunsten herausragender Celler Persönlichkeiten könnte also ebenso denkbar und sinnvoll sein. Allerdings wäre es vielleicht gar nicht verkehrt, wenn gerade Celle durch einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Geschichte voranginge. Hinweistafeln an den betreffenden Straßenschildern ließen sich vermutlich kostengünstiger realisieren, als eine Umbenennung der Verkehrswege – und sie brächten sicherlich gesellschaftlich auch wesentlich mehr.

 
Hendrik Altmann