„Unser Dorf soll schöner werden“: Premiere ohne Erkenntnisgewinn aber mit glanzvoller Schauspielleistung

Kultur + Gesellschaft Von Redaktion | am So., 08.09.2019 - 20:28

CELLE. Willy Brandts Konterfei trägt Trauerflor – passend zum aktuellen Zustand der SPD. „Ich habe immer SPD gewählt“, erzählt mit Verweis auf das Schwarz-Weiß-Bild an der Wand der Protagonist des Ein-Mann-Stückes „Unser Dorf soll schöner werden“, Hubert Fängewisch, das am Samstagabend im Malersaal Premiere feierte. Das Bekenntnis zur SPD ist unterlegt mit einem Unterton, der als Entschuldigung gewertet werden könnte für das nicht-bekennende Nazitum des Kumpels aus dem Ruhrgebiet. Heimlich sammelt dieser NS-Devotionalien und feiert „Führers Geburtstag“. Nein, dieser Mann – hervorragend gespielt von Johann Schibli – dessen Psychogramm während des anderthalbstündigen Stückes aufgeblättert wird, vermittelt so viel Anreiz, ihn näher kennenlernen zu wollen, wie das spartanische Bühnenbild mit Röhrenfernseher, Festnetztelefonapparat, einem Kasten Bier sowie dem Modellaufbau eines Dorfes anheimelnd wirkt. Birgit Bott hat der armen Seele ein adäquates Ambiente verpasst und den berenteten Bergmann mit kurzer Nato-Khakihose, braunen Sandalen zu Unterhemd und Weste ebenso stimmig eingekleidet.

Ein Sympathieträger ist der massige Mann nicht, kein Grund, die Lacher nicht auf seiner Seite zu haben. Sebastian R. Richters Inszenierung rutscht ab in den Boulevard, wenn der ungehobelte Ehemann und Vater „professorisch“ anstatt „provisorisch“ sagt oder gängige Witze zum Thema Sex zwischen langjährigen Ehepartnern auf Kosten seiner Frau, „unser Mia“, reißt: „Die eigene Frau mit solchen Schweinereien.“ Der Fernseher wird eingeschaltet, RTL zeigt den Typ Frau, der Hubert für bestimmte Stunden vorschwebt. Von großem Interesse ist dieses Thema für Fängerisch jedoch nicht. Seine Stärken liegen in anderen Bereichen, er ist ein „Macher“, zumindest in der Selbstwahrnehmung. Wie er diese Eigenschaft anlässlich des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“ unter Beweis stellte, möchte er den Zuschauern in der voll besetzten Studiobühne mitteilen. „Alle Fassaden haben wir mit Fachwerk überzogen“, berichtet er und veranschaulicht anhand des Modells. „Geschnitten haben wir ihn wie einen Aussätzigen“, nennt er das mildeste Beispiel für massiven Druck auf diejenigen, die bei der Dorferneuerung nicht mitziehen wollten. „Nur ausgesuchte Personen durften auf die Straße, am besten in Tracht, an dem Tag, als die Kommission kam. Mia musste zu Hause bleiben“, lässt der Erzähler einen Ort des Grauens zum Vorschein kommen, der dennoch den Sieg nach Hause trug: „Wir sind Gold-Dorf“, titelte die Lokalpresse. Aus Hubert Fängerischs Sicht war er der Held dieses Triumphes. Die weitere Berichterstattung über seine Biographie lässt jedoch Zweifel aufkommen, ob die übrigen Beteiligten dieser Wahrnehmung folgen würden.

Spannung baut sich zu Beginn und im Verlauf des Monologs auf, wenn Hubert von „unser Dirk“ spricht. Was hat es auf sich mit dem Jungen, dessen zartes Wesen mittels einer Tonbandeinspielung des von ihm mit weicher und melodischer Stimme gesungenen Welthits „Sag mir, wo die Blumen sind“ versinnbildlicht wird. Hubert verwundete die Seele des von Mutter Mia heißgeliebten Kindes, verbrannte seine Puppen im Keller: „Ich packte ihn beim Genick, damit er dem Bild nicht ausweichen konnte.“ Der Sohn des braun gesinnten SPD-Wählers wird zum gewalttätigen Neonazi, der Hatz auf Asylbewerber macht.

Als Autor Klaus Chatten das Stück schrieb -1993 wurde es im Deutschen Theater Berlin uraufgeführt – gab es die Begriffe „Wutbürger“ und „Abgehängte“ noch nicht. Als solche bezeichnet der Verfasser des Ankündigungstextes den Protagonisten und führt damit auf eine falsche Fährte. Ein Mensch, der in der Kneipe herumposaunt, sein Sohn sei Bettnässer, hat mit diesen Attributen nichts zu tun. Vielmehr bedient Autor Chatten jedes noch so simple Klischee: Der sensible Sohn eines harten, in sich nicht gefestigten, lieblosen Vaters wird zum Neonazi. Der Urheber des Textes beleuchtet nicht wirklich den Charakter eines Menschen, er ergötzt sich vielmehr an der bloßen Wiedergabe abstoßenden, menschenverachtenden Verhaltens. Im Hintergrund lassen Regisseur Sebastian R. Richter und Dramaturg Matthias Schubert Szenen aus der TV-Serie „Lindenstraße“ einspielen, angebrachter wären Sequenzen aus „Ein Herz und eine Seele“ gewesen. Denn bei „Ekel Alfred“ nahm Chatten Anleihen, auch dieser stets übelgelaunte Unsympath behandelte seine Frau wie eine „dumme Else“, war im Arbeitermilieu angesiedelt und wusch sich wie Hubert Fängerisch in der Eingangsszene ausgiebig die Füße in einer Wanne, während er motzte. Alfreds geistiger Vater, Wolfgang Menge, ersann erstklassige Satire. Klaus Chatten gelingt nicht einmal die versprochene Tragikomik, stattdessen bedient er gängige Klischees, lässt jeden Sinn für Zwischentöne und Feinsinn vermissen.

Ein Stück ohne jeden Erkenntnisgewinn, sehenswert macht es einzig und allein die schauspielerische Leistung von Johann Schibli.