CELLE. Auf Einladung der Sparkasse Celle durften gestern Abend rund 150 private Kunden des Geldinstituts im Rittersaal des Celler Schlosses einer Lesung der bekannten NDR-Moderatorin Bettina Tietjen lauschen. Bereits zum zweiten Mal war sie nach Celle gereist, um aus ihrem Buch „Unter Tränen gelacht – Mein Vater, die Demenz und ich“ zu lesen und nebenbei Zuhörerinnen und Zuhörer an vielen kleinen Anekdoten aus den letzten Jahren mit ihrem Vater teilhaben zu lassen.

„Ich habe das Gefühl, ich bin andauernd in Celle“, begann sie, nicht nur bezugnehmend auf die Lesung bei der Bürgerstiftung vor gut einem Jahr, sondern auch auf die Landpartie Ende Mai, wo sie aktiv auf der Bühne mitgewirkt hatte. Den Entschluss, das Buch über die schwere, andererseits auch schöne und bereichernde Zeit des Abschieds von ihrem an Demenz erkrankten Vater zu schreiben, habe sie erst nach seinem Tod gefasst. Sie habe bemerkt, dass sehr viel mehr Menschen, als man wisse, vom Thema Demenz in der Familie betroffen seien, sich aber häufig scheuen, dies anzusprechen. „Vielleicht kann man die Kommunikation durch das Buch ein wenig anschubsen“, so die Hoffnung der Moderatorin.

„Guten Abend, Frau Tietjen, hier spricht die Polizei Wuppertal[…]. Die Nachbarn Ihres Vaters haben uns benachrichtigt. Wir haben seine Betreuerin hier bewusstlos vorgefunden, sie war volltrunken und hat sich mehrfach im Wohnzimmer übergeben. Sie wurde ins Krankenhaus abtransportiert. Ihr Vater wird gerade von der Nachbarin ins Bett gebracht. Können Sie bitte sofort kommen?“ las Tietjen aus dem Abschnitt des Buches, der die Zeit schildert, als ihr und ihrer Familie klar wurde, dass die Pflege des Vaters zuhause auch mit Hilfe zweier lettischer Pflegerinnen nicht mehr zu schaffen war.

Mit ihrer lebhaften, sympathischen Art beschreibt Tietjen die Auswirkungen der Demenzerkrankung auf ihren Vater und lässt es bei aller Ernsthaftigkeit auch am Humor nicht mangeln: „Schon wenige Tage nachdem ‚Lettland’ bei uns eingezogen war, hatte er ihre Sprache angenommen. ‚Essen gut, ich Hunger’ (so sein typischer Satzaufbau) – Subjekt, Prädikat, Objekt konnte er nicht mehr. Das hat er bis zu seinem Tod nicht mehr abgelegt“. Wenn sie eine anspruchsvollere Unterhaltung mit ihm habe führen wollen, habe sie ins Englische oder ins Französische gewechselt. Das habe prima funktioniert.

Durch den Umzug ihres Vaters in ein Hamburger Pflegeheim sei ihr Leben nicht nur stark verändert, sondern auch sehr bereichert worden. „Es war Glückssache, dass ein sehr gutes Heim bei mir in der Nähe war“, erzählte Tietjen. Sie habe eine schöne Zeit mit ihrem Vater verbracht, er sei fröhlicher und viel weicher geworden. „Wir haben uns über alberne Sachen kaputt gelacht oder auch laut gesungen“, so die Hamburgerin.

Der Alltag im Pflegeheim sei keineswegs monoton und langweilig gewesen. „Alles, was sich zum Feiern anbot, wurde gefeiert“, berichtete die Moderatorin. So habe sie gemeinsam mit ihrem Vater in der zum Ballsaal umdekorierten Cafeteria den ersten Tanztee seit ihrer Jugendzeit miterleben dürfen. Auch Erlebnisse der etwas anderen Art kamen in ihrer Lesung nicht zu kurz: „Kann es sein, dass jemand den Kleiderschrank meines Vaters mit einer Toilette verwechselt hat?“

Ihr Respekt für die Arbeit der Menschen, die in den Pflegheimen arbeiten, sei seit der Zeit mit ihrem Vater dort sehr gestiegen. Angesichts des Gehalts, das das Pflegepersonal verdiene, könne man nicht oft genug darüber sprechen. „Wenn man den Beruf nicht mal positiver darstellt, macht das bald keiner mehr“, ist Tietjen überzeugt. Auch die Erfahrungen, die sie machen musste, als ihr Vater mehrmals ins Krankenhaus kam, schilderte sie: „Wenn ein dementer Mensch ins Krankenhaus muss, ist er verloren. Die Krankenhäuser sind nicht darauf eingestellt“. Viele Krankenhausaufenthalte seien ihrer Meinung nach gar nicht nötig, wenn Altersheime und Krankenhäuser besser zusammenarbeiten würden.

„Demenz hat viele Gesichter – die schönen und emotionalen habe ich sehr genossen. Ich bin froh, das Buch geschrieben zu haben. So kann ich immer wieder ein bisschen über meinen Vater erzählen und habe das Gefühl, dass er noch da ist“, schloss Tietjen ihren Vortrag, der vom Publikum mit großem Beifall bedacht wurde.

Stefan Gratzfeld, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Celle, dankte der Moderatorin für ihren authentischen und lebhaften Vortrag. „Sie haben uns Mut gemacht, offen mit einer solchen Situation umzugehen“, sagte Gratzfeld. Anschließend signierte Tietjen auf Wunsch noch einige Bücher und plauderte mit den Gästen. Wie sie verriet, hat sie bereits die Idee für ein neues, diesmal lustiges Buch im Kopf – wir dürfen also gespannt sein. Vielleicht gibt sie dann auch den Cellern wieder eine Kostprobe…

Das Buch „Unter Tränen gelacht – Mein Vater, die Demenz und ich“ ist im März 2015 im Piper Verlag unter der ISBN: 978-3-492-05642-7 erschienen und kostet 19,99 Euro.

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