CELLE/HANNOVER. In einem Schreiben an die niedersächsische Kultusminiserin Frauke Heiligenstadt beklagt Landrat Klaus Wiswe die unzureichende Lehrerversorgung an Schulen im Landkreis Celle. Das Schreiben liegt CelleHeute vor und wir geben es ungekürzt und unkommentiert wieder:

„Sehr geehrte Frau Ministerin Heiligenstadt,

es ist erklärtes Ziel der Landesregierung – dies habe ich der Antwort der Landesregierung zu einer kleinen Anfrage – Drucksache 17/8104 – entnommen -, die Versorgung mit Lehrkräften nachhaltig zu sichern und gleichzeitig die Bildungsqualität zu erhöhen. Wenn ich mich heute direkt an Sie, Frau Ministerin, wende, dann geschieht das vor dem Hintergrund, dass die Sicherstellung der Lehrerversorgung an den Schulen im Landkreis Celle nicht gewährleistet ist und die Erfüllung des Bildungsauftrages nicht nur in Frage gestellt, sondern akut gefährdet wird.

Die Grundschulen sowohl im Stadt- als auch im übrigen Kreisgebiet Celle haben eine hohe Anzahl an freien Lehrerstellen zu verzeichnen; zur Sicherstellung der Unterrichtsversorgung dort erfolgten Abordnungen von Lehrkräften der Oberschulen und der Gesamtschule. Das führt zwangsläufig dazu, dass nunmehr hier Lehrkräfte fehlen. Die so entstandenen personellen Lücken sollen wiederum durch die Abordnung von Lehrkräften aus den Gymnasien aufgefangen werden. Dies führt jedoch zu einem Teufelskreis, der das grundsätzliche Problem nicht beseitigt oder zumindest verringert, sondern lediglich eine Umverteilung und eine breitere Streuung des personellen Mangels auf alle Schulen aller Schulformen mit sich bringt. Wie mir als Schulträger mitgeteilt wurde und zudem der örtlichen Presse zu entnehmen ist (siehe Artikel der Celleschen Zeitung vom 19.06. und 12.07.17), können jedoch die benötigten Fächerkombinationen teilweise nicht aufgefüllt werden, mit der Folge, dass Lehrkräfte nunmehr fachfremd unterrichten müssten, um die Abdeckung der Pflichtstunden sicherstellen zu können.

In der Antwort der Landesregierung zu einer kleinen Anfrage – Drucksache 17/8104 – wurde durch die Landesregierung bestätigt, dass ein erhöhtes Einstellungsinteresse von Lehrkräften für urbane Ballungszentren sowie in der Nähe von lehramtsbildenden Universitäten besteht. Es sei eine Herausforderung, geeignete Lehrkräfte zu finden, welche ein Stellenangebot insbesondere in den ländlichen Bereichen annehmen möchten. Der Landkreis Celle hat diese Folgen als Flächenlandkreis ohne lehramtsbildende Universität extrem zu spüren.

Aus dem Problem der unzureichenden Lehrerversorgung erwächst jedoch ein Folgeproblem: Das Ganztagsangebot insbesondere meiner Oberschulen kann nicht mehr gewährleistet werden. Alle Oberschulen sowie die Gesamtschule Celle im Landkreis Celle sind teilgebundene Ganztagsschulen, die Gymnasien haben einen offenen oder teilgebundenen Ganztag. Durch die völlig unzureichende Unterrichtsversorgung sehen sich die Schulleitungen gezwungen, die vorhandenen Ressourcen für den Pflichtunterricht einzusetzen; dies führt jedoch zu einer faktischen – wenn auch nicht gewollten – Konsequenz: der Einschränkung oder gar völligen Einstellung des Ganztagsbetriebes. Nach einer mir übersandten Übersicht ist keine Oberschule im Landkreis Celle mehr in der Lage, den Ganztagsbetrieb ohne Einschränkungen sicherzustellen. Insbesondere müssen sogar vier Schulen diesen ganz einstellen. Der Gesamtschule Celle als auch einigen Gymnasien ergeht es ebenso.

Sie werden verstehen, Frau Ministerin, dass eine Einschränkung des Ganztagsbetriebes – ungeachtet meines Verständnisses für die Schulen – für mich nicht hinnehmbar ist. Die Schulen in der Trägerschaft des Landkreises zeigen sich in einem ausgezeichneten Gesamtzustand. Schließlich wurde ein hohes Maß an personellem wie finanziellem Engagement aufgewendet, um sie zukunftsfähig aufzustellen und die Rahmenbedingungen für eine bedarfsgerechte und leistungsfähige Bildungsstruktur zu schaffen. In den vergangenen Jahren wurden für die energetische Sanierung, die Schaffung der Barrierefreiheit, Baumaßnahmen für die inklusive Beschulung sowie die IT-Infrastruktur und die EDV-Ausstattung hohe Investitionen getätigt; daneben wurden rund 20 Millionen Euro für den Bau von Mensen und Ganztagsräumlichkeiten in unsere Schulen investiert. Diese Investitionen musste der Landkreis Celle über Kredite finanzieren. Durch diese Investitionen ist es dem Landkreis Celle unter anderem möglich, auf die pädagogischen Konzepte der Schulen einzugehen und somit beispielsweise die Einführung von Tablet-Klassen sowie die Einführung des neuen Unterrichtsfaches „Digitale Medienbildung“ zu ermöglichen. Angesichts des Umfangs der für den Ganztagsbetrieb aufgewendeten Investitionen, deren Nutzung nunmehr in Frage gestellt ist, gerate ich ohne jede eigene Einflussmöglichkeit in einen Rechtfertigungszwang.

Aufgrund der Einschränkungen oder gar Einstellungen des Ganztagsbetriebes in den Schulen haben uns die Caterer darüber informiert, dass bei sinkender Mittagsverpflegung eine Belieferung der Mensen nicht mehr rentabel ist. Eine kräftig ausfallende Preisanpassung mit dem Risiko, dass Erziehungsberechtigte sich deshalb gegen eine Teilnahme ihrer Kinder an der Möglichkeit eines warmen Mittagessens entscheiden, oder die Kündigung der Essensverträge könnte die Folge sein. Ebenso zahlt der Landkreis Celle jährlich rund 400.000 Euro Personalkosten für die Essensausgabe in den Mensen, diese Kosten entstehen auch bei geringerem Verzehr, da das Personal weiterhin vorgehalten werden muss.

Nicht zuletzt stellt die Unverlässlichkeit der Ganztagsbeschulung ein hohes Risiko für die Schülerbeförderung im Landkreis Celle dar. Auf Grund des bestehenden Verkehrsvertrages, der u.a. auf der Basis der Schulzeiten der bestehenden Ganztagsschulen ausgeschrieben und abgeschlossen worden ist, wird es weder rechtlich noch finanziell möglich sein, zusätzliche und damit deutlich höhere Buskapazitäten zur Beförderung der Schüler/innen bereitzustellen. Dies hätte bei aus dem vorhandenen Gesamtsystem nicht zu deckenden Kapazitätsüberschreitungen eine Nichtbeförderung von Schülerinnen und Schülern zur Folge.

Auf Grundlage des § 23 NSchG und des Erlasses „Die Arbeit in der Ganztagsschule“ (Rd.Erl.d.MK v. 1.8.2014) habe ich die Schulen in meiner Trägerschaft darauf hingewiesen, dass die Schülerinnen und Schüler an einer teilgebundenen Ganztagsschule an mindestens zwei Tagen zum ganztägigen Schulbesuch verpflichtet sind. Auf diese Ganztagsbeschulung (hiermit verbunden eine Ganztagsbetreuung) vertrauen viele Erziehungsberechtigte und haben ihre persönlichen Verhältnisse (Arbeitsverhältnisse u.s.w.) hiernach ausgerichtet. Die Schulen wurden aus diesem Grund gebeten, bei unvermeidbaren Einschränkungen in der Ganztagsbeschulung zumindest eine altersgerechte Aufsicht sicherzustellen, um die eben beschriebenen Auswirkungen zu reduzieren und ggf. zu vermeiden.

Mit der Sicherstellung der Aufsicht wird jedoch die Problematik der unzureichenden Lehrerversorgung und der Abdeckung des Fehls in den verschiedenen Unterrichtsfächern im Landkreis Celle nicht behoben. Mir ist bewusst, dass der Mangel an Studienabgängern für das Lehramt an Grund- Haupt und Realschulen nicht ad hoc beseitigt werden kann und einer längeren Vorlaufzeit bedarf. Ungewöhnliche Situationen erfordern daher ungewöhnliche Maßnahmen, denn Nichtstun und Abwarten ist keine Lösung. Die aus meiner Sicht denkbaren Lösungsansätze stellen sich wie folgt dar:

Die Zuteilung von Referendaren für die Studienseminare wird zentral von der Landesschulbehörde in Braunschweig als zuständiger Stelle vorgenommen. An dem Studienseminar Celle für das Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschule sind aktuell nur 15 von möglichen 45 Plätzen belegt. Hier bildet sich die bestehende personelle Lücke für die betroffenen Schulformen bereits deutlich ab. Bei der Zuweisung von Referendaren ist sicherzustellen, dass ein Interessenausgleich zwischen den urbanen Zentren und den Studienseminaren in der Fläche erfolgt. Schließlich ist in Ballungsräumen eine Kooperation von Schulen aufgrund Entfernungen leichter umzusetzen als dies in der Fläche der Fall ist.

Die Bewerbungen für das Lehramt an Gymnasien übersteigen nach meinen Informationen die zur Verfügung stehenden Plätze an den Studienseminaren. Hier bietet sich nach meiner Einschätzung die Möglichkeit, aus dem Potenzial der nicht zum Zuge gekommenen Bewerber die freien Plätze in den Studienseminaren für die Grund- Haupt und Realschulen anzubieten. Den reflexartig zu erwartenden Vorbehalten von Bedenkenträgern, dass es sich inhaltlich dabei um verschiedene Qualifikationen und inhaltlich unterschiedliche Ausbildungen handelt, ist entgegenzuhalten, dass es ein übereinstimmendes Grundgerüst für alle Lehramtsanwärter – unabhängig von der Schulform – gibt. Um diejenigen zu überzeugen, die Vorbehalte gegen die Wahl eines „niedrigeren“ Lehramtes haben, weil sie sich damit die Möglichkeit nehmen, die Befähigung für ein Lehramt an einem Gymnasien zu erwerben, sollte eine Öffnungs- und Nachqualifizierungsklausel geschaffen werden.

Durch dieses Einwerben von Aspiranten für das Lehramt an Gymnasien als Referendare für das Lehramt an Oberschulen im Landkreis Celle könnte dem Bewerbermangel entgegengewirkt, erfolglosen Bewerbern eine Option geboten und die ansonsten teilweise freien Kapazitäten des Studienseminars genutzt werden. Durch den Einsatz der Referendare in den Schulen verspreche ich mir zumindest das Vermindern von Lücken in der Unterrichtsversorgung und die Sicherstellung des Ganztagsbetriebes. 


Im Sinne meines Vorschlages ersuche ich Sie, sehr geehrte Frau Ministerin, eine zielgerichtete Prüfung durchzuführen und damit – und sei als zeitlich befristete Zwischenlösung – Abhilfe zu schaffen.“

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