CELLE. Montag Mittag, 12:30 Uhr, drei Stunden Programm – doch auch mitten am Werktag lassen es sich Jahr für Jahr viele Vertreter aus Rat, Politik und Wirtschaft nicht nehmen, am Festessen der Celler Schützen teilzunehmen. Neben Ehrungen und einem schmackhaften Drei-Gänge-Menü von Festwirt Lindemann sorgte heute der ehemalige Celler Oberbürgermeister Dr. h.c. Martin Biermann für stehende Ovationen. Seine Abhandlung zur bekannten Überschrift „Heimat und Vaterland“ hatte es in sich. Wir widmen dieser Rede einen eigenen Artikel und würdigen das Festessen mit einer großen Fotogalerie in unserer Facebook-Ausgabe. Ein Bericht folgt in Kürze. Die Rede Biermanns, exklusiv auf CelleHeute in voller Länge: 

„Als im Jahre 1993 unsere Brauerei Betz ihr 100-jähriges Firmenjubiläum feierte hielt Alt-Oberbürgermeister Dr. Kurt Blanke die Festrede. Er begann sie mit den Worten, „ich habe auch schon die Festrede zum 75-jährigen Jubiläum gehalten. Eine Weile war ich versucht – ja es hat mich geradezu gereizt – dieselbe Rede noch einmal zu halten und ich bin mir absolut sicher, keiner von Ihnen hätte es gemerkt“.

Auch ich stand am 16.Juli 1990 schon einmal an dieser Stelle und habe zum Thema „Heimat und Vaterland“ gesprochen. Wenn ich heute diese Rede wieder halten würde, jeder von Ihnen hätte es sofort gemerkt. Es war das Jahr der deutschen Einheit. An diesem Thema kam damals niemand vorbei und die Euphorie der so unvermittelt errungenen Wiedervereinigung verlieh dem Thema „Heimat und Vaterland“ nach über vierzig Jahren der schmerzvollen nationalen Teilung eine besondere Emotionalität.

Waren in den Jahrzehnten zuvor, den 70- und 80-ern die Begriffe Heimat und Vaterland eher als obsolet, also verstaubt und überholt verspottet worden, standen sie plötzlich wieder hoch im Kurs. Was ist aus der Euphorie von damals geworden? Welchen Inhalt haben die beiden Begriffe in der aktuellen Gegenwart, die von Krisen, religiösem Hass, internationalem Terror und weltweit wieder aufkeimendem Nationalismus erschüttert und bedroht wird? Was bedeuten sie angesichts der hier lebenden Bevölkerung, die zu über 20 % einen Migrationshintergrund hat? Und erstmals überschritt im letzten Monat die Zahl der hier lebenden Ausländer die zehn Millionenmarke. Sind Heimat und Vaterland wie im vorletzten und letzten Jahrhundert überhaupt noch Synonyme füreinander, oder müssen wir beide Begriffe in einer Zuwanderungsgesellschaft nicht voneinander trennen? Hat der Begriff Vaterland nicht auch einen gegenüber Dritten ausgrenzenden Inhalt? Du gehörst eben nicht dazu! Und erschwert ein Voranstellen des Vaterlandes nicht den dringend notwendigen europäischen Zusammenhalt? Alle nationalistischen Parteien in den Mitgliedsstaaten der EU lehnen doch im Kern ein gemeinsames solidarisches Europa ab.

  • „Ich kenne etliche Celler, die Celle nicht als ihre Heimat empfinden und Migranten, die sich hier sehr heimisch fühlen“

Über jede dieser hier aufgeworfenen Fragen ließen sich lange Ausführungen machen. Das aber ist in nur gut einer Viertelstunde nicht möglich. Aber diese Fragen können auch in der Kürze der Zeit bewirken, mal darüber nachzudenken, welch geistigen Inhalt „Heimat und Vaterland“ für uns heute in Europa, in einer global und total vernetzten Welt noch haben können oder besser haben sollten, um nicht in die schrecklichen Gedankenmuster früherer Jahrhunderte zurückzufallen, denn beide Begriffe haben bekanntlich eine hohe Emotionalität und lassen sich – wie die Geschichte zeigt – fatal missbrauchen.

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Zuerst einmal bin ich davon überzeugt, dass beide Begriffe aus heutiger Sicht nicht mehr unauflöslich miteinander verbunden werden können, denn Heimat ist heute nicht mehr wie früher gleichbedeutend mit Vaterland, Staat und Nation (so noch beschrieben im Großen Brockhaus von 1954), sondern hat eine davon ganz losgelöste eigenständige Bedeutung.

Heimat wird heute nach der Definition als der Ort begriffen, in den der Mensch hineingeboren wird, seine frühen sozialen Bezüge erfährt und zu dem er dadurch ein besonderes Gefühl der Verbundenheit entwickelt. Es ist also eine Bindung des Geborgenseins und hat wenig, fast gar nichts mit formaler Nationalität und Staatsangehörigkeit zu tun. Heimat gilt für Migranten und Deutsche gleichermaßen. Ich kenne etliche geborene Celler, die aus welchen Gründen auch immer – leider – Celle nicht als ihre Heimat empfinden und andererseits Migranten, die sich hier sehr heimisch fühlen.

  • „Kein Pass kann ‚Heimat‘ bescheinigen“

Auch kann ich ein Gefühl für Heimat nicht rational erklären, denn es ist rein subjektiv, eben emotional. Kein Dokument, kein Pass kann mir Heimat bescheinigen, es sind allein die mir vertrauten Lebensumstände, das Gefühl des Geborgenseins, das ich in mir spüren muss. Dieses Gefühl mag sogar allen rationalen Erwägungen meiner Lebensumstände widersprechen und dennoch kann es seit Kindheit tief in mir verwurzelt sein.

Haben wir das nicht alle nach dem 2.Weltkrieg bei den Vertriebenen und Flüchtlingen erlebt auch dann noch, als es ihnen hier schon um ein Vielfaches besser ging, als es ihnen in der alten Heimat je gegangen war? Und wie viele hier geborene Migranten insbesondere der zweiten und dritten Generation empfinden Celle längst als ihre Heimat, weil sie eingebunden sind und diese Stadt angenommen haben. Die Frage allerdings an uns, behandeln wir sie auch so?

Wer von und über Heimat spricht, spricht im Grunde im weitesten Sinne über gelungene gesellschaftliche Integration der verschiedensten Bevölkerungsschichten. Dieses aus dem Lateinischen abgeleitete Wort, bedeutet nichts Anderes als „wieder herstellen einer Einheit“, „einbeziehen und eingliedern“. Integration hat natürlich etwas mit der Aufnahme von Ausländern und auch deren Bereitschaft sich neu zu orientieren zu tun, aber darin erschöpft sie sich eben nicht. Es gibt auch innerhalb unseres eigenen Landes, der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten untereinander die Notwendigkeit der Bereitschaft zur Integration, um mich heimisch fühlen zu können. Gesteht man den Norddeutschen, auch wenn sie dort z.B. schon Jahrzehnte leben, etwa überall in Bayern von den Einheimischen Heimat zu und werden sie nicht als „Saupreiß“ bezeichnet, oder den Bayern in Ostfriesland?

Auch das Denken in gesellschaftlichen Klassen und Schichten, etwa Standesdünkel, soziale Ausgrenzungen u.v.a.m. tragen zur Desintegration bei und verwehren den Anderen die Teilhabe und damit Heimat. Es ist deshalb unsere Aufgabe nicht in alten Mustern zu verharren, sondern dem Sinngehalt von Integration folgend immer wieder von Neuem zu beginnen, offen für Veränderungen zu sein, uns geistig neu zu orientieren und uns in der Gemeinschaft zu begegnen. Von Heimat zu reden bedeutet auch die Verpflichtung sie für Andere erfahrbar und vor Ort erlebbar zu machen.

  • Der Brexit wurde vom Nationalismus und der Ausgrenzung Anderer bestimmt.

In diesem Rahmen spielen bei uns Vereine, Sportvereine, freiwillige Feuerwehr, Kulturvereine und natürlich auch die Schützenvereine eine überragende Rolle. Hier kann praktisch das gelebt und erfahren werden, was sonst nur eine hohle Phrase bliebe, nämlich Gemeinschaft, d.h. Andersdenkende aufnehmen, sie willkommen heißen, als Bereicherung empfinden, Ihnen das Gefühl der ehrlichen Teilhabe zu geben, denn nur das kann bei diesen Menschen ein Gefühl für Heimat hervorrufen. Von ihnen zu erwarten, dass sie sich heimisch fühlen, ohne sie positiv aufgenommen zu haben, wäre zutiefst unredlich und nicht wahrhaftig. Ohne unser aktives Zutun kann Heimat nicht gelingen.

Sucht man dagegen in den Lexika nach dem Begriff „Vaterland“, dann taucht der Begriff z.B. bei Meyers Taschenlexikon schon überhaupt nicht mehr eigenständig auf, oder es wird in anderen Lexika sofort auf Begrifflichkeiten wie Patriotismus und Nationalismus verwiesen. Erkennbar tut man sich schwer mit dem Begriff „Vaterland“. Dabei sind doch für Volk und Vaterland so viele Opfer gebracht worden.

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In der Tat löst das Wort Vaterland immer wieder zwiespältige Empfindungen aus, einerseits das Gefühl einer von mir nicht aufzulösenden, mich auch schützenden Gemeinschaft, andererseits aber auch das unausgesprochene Bewusstsein der Aus- und Abgrenzung derjenigen, die eben nicht unsere Staatsbürger sind. Das spüren wir gerade in diesen Zeiten überdeutlich, in denen der Nationalismus wieder Konjunktur zu bekommen scheint. Der Brexit wurde ganz wesentlich vom Nationalismus und der Ausgrenzung Anderer bestimmt.

  • „Das Wort Vaterland darf nie wieder dazu verwandt werden, sich selbst zu überhöhen“

Im Gegensatz zur Heimat, die nur persönlich von mir empfunden werden kann und keinen Anspruch an mich stellt, ist dies beim Vaterland vielleicht anders. Fordert das Vaterland nicht auch? Was aber nun ist Vaterland?
Dem ehemaligen amerikanischen Außenminister und Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger wird der Satz zugesprochen, „Amerika hat keine Freunde oder Feinde, sondern nur Interessen“. In aller Schlichtheit aber auch Offenheit wird damit deutlich, worum es bei dem Begriff und der Betonung von „Vaterland“ häufig auch gehen kann. Es geht um die emotionale Überhöhung knallharter eigener nationaler Interessen. Das erleben wir zurzeit brutal. Trumps „america first“ ist ein Ausdruck dieser gefährlichen, egozentrischen, allen menschlichen Grundwerten widersprechenden Geisteshaltung, eiskalter Egoismus. Ob in Frankreich, Groß-Britannien, Türkei, Russland, überall scheint diese Geisteshaltung wieder aufzublühen und unüberhörbar zu werden, bei uns aktuell propagiert durch die AfD. „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“, so beginnt doch das Lied der Deutschen. Haben das nicht voller Inbrunst unsere Vorfahren gesungen? Und wie schändlich wurde dies als Überhöhung der eigenen Nationalität missbraucht.

Nein, das Wort Vaterland darf nie wieder dazu verwandt werden, sich selbst zu überhöhen und einem selbst das Gefühl der Einzigartigkeit der besonderen Auserwähltheit zu vermitteln. Dabei sollten wir gedanklich nicht den Fehler machen, diese Pervertierung des Begriffs Vaterland allein auf die Zeit des Nationalsozialismus einzuengen und den Begriff selbst ansonsten unreflektiert positiv zu betrachten. Die Gefahr des Missbrauches dieses Begriffes bestand zu allen Zeiten und besteht leider, wie wir alle spüren, auch in Gegenwart und Zukunft.

  • „Ehe du für dein Vaterland sterben willst, sieh es dir erst mal genau an“ (Arno Schmidt)

Um das zu belegen habe ich mir erlaubt in der Literatur einige Zitate zu sammeln und möchte sie Ihnen wörtlich wiedergeben. Sie reichen von der altgriechischen Sagenwelt übers alte Rom bis in unsere Tage: In Homers Ilias heißt es: „ein Wahrzeichen nur gilt, das Vaterland zu erretten“, „beglückend und ehrenvoll ist es für das Vaterland zu sterben“, so der römische Dichter Horaz, „die erste Pflicht eines Bürgers ist, seinem Vaterland zu dienen“, Friedrich d. Große, und der von den Linken bis heute so sehr bewunderte Revolutionär Che Guevara sagt: „das Vaterland oder der Tod“.

Ist das wirklich das richtige Verständnis von Vaterland, oder nicht vielmehr ein Zerrbild dessen? Dieser heroischen Sicht widersprechen denn auch namhafte Literaten, auch hierzu wenige Zitate. Der in Celle sehr geschätzte Arno Schmidt, nach dem der Platz vor der Stadtbibliothek benannt ist, hat einmal gesagt:
„ehe du für dein Vaterland sterben willst, sieh es dir erst mal genau an“ und der berühmte Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt formuliert noch viel drastischer, „Vaterland nennt sich der Staat immer dann, wenn er sich anschickt auf Massenmord auszugehen“.

  • „Wo es mir gutgeht, da ist mein Vaterland“

Diese sehr kritische, zugespitze Sichtweise scheint mir trotz der düsteren Vergangenheit und des Missbrauchs mit dem Wort so nicht gerechtfertigt zu sein. Der Dichter Gottfried Keller bringt seine Kritik an dem Begriff Vaterland dann auch viel vorsichtiger mit dem relativierenden Satz zum Ausdruck:„Es würde vieles erträglicher, wenn man weniger selbst zufrieden wäre und die Vaterlandsliebe nicht immer mit Selbstbewunderung verwechselt würde.“

Und der altgriechische Dramatiker Euripides (480 v.Chr.) formuliert umfassend: „wie dem Adler der Himmel offensteht, so ist dem tüchtigen Mann die ganze Welt das Vaterland“, und schließlich ein altes lateinisches Sprichwort sagt: „ubi bene, ubi patria“, wo es mir gutgeht, da ist mein Vaterland. Volkszugehörigkeit, Nation und Staatsbürgerschaft etwa sind nach diesem Verständnis keine Bestandteile des Vaterlandes.

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Sie sehen unterschiedlicher, ja kontroverser könnte der Begriff Vaterland gar nicht über die Jahrtausende verstanden und interpretiert worden sein und dennoch auch am Ende meiner Rede werden wir wieder die dritte Strophe des Deutschlandliedes singen, in der es heißt: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland, danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand. Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand. Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe deutsches Vaterland“.

Dieses von Heinrich Hoffman von Fallersleben 1841 auf der damals britischen Insel Helgoland verfasste Lied entstand zur Zeit des „Deutschen Bundes“, eines Staatenbundes aus 35 Monarchien, Fürstentümern und vier freien Städten, die sich nach dem Wiener Kongress von 1815 und fünfjährigen Verhandlungen 1820 in einer Bundesakte zu einem Staatenbund zusammengeschlossen hatten, um gemeinsam äußeren Bedrohungen und innerem Zwist zu begegnen. Kommt uns das nicht heute mit der EU irgendwie bekannt vor? Zum Deutschen Bund zählten damals u.a. auch das Herzogtum Holstein, das zu Dänemark gehörte, das Königreich Hannover, das aus London regiert wurde, das Großherzogtum Luxemburg, über das die Niederlande herrschten, große Teile des Kaiserreiches Österreich und natürlich die deutschen sehr eigenständigen Königreiche Preußen, Bayern, Württemberg, Sachsen usw., weshalb es in der ersten Strophe ja auch heißt von der Maas, Grenzfluss zu Frankreich bis an die Memel, Grenzfluss zum Baltikum, von der Etsch Südtirol/Italien bis an den Belt nördlich von Jütland, also Grenze zu Norwegen.

Hoffmann v. Fallersleben stellte sich dieses große von 35 Einzelstaaten regierte Gebiet über alle Kultur- und Herrschaftsgrenzen hinweg als ein gemeinsames Gebiet vor, das von Einigkeit, Recht und Freiheit durchdrungen sein möge, um auf diesem Wege brüderlich zum Glück der Menschen beizutragen. Es ging ihm nicht darum, einen neuen übergroßen deutschen zentralistischen Nationalstaat zu schaffen, den es in den Jahrtausenden zuvor auf deutschem Boden auch nie gegeben hatte, sondern allein um das Gefühl der inneren Zusammengehörigkeit der Menschen und deren Glück endlich nach den vielen Kriegen brüderlich in Einigkeit und Recht und Freiheit miteinander leben zu können.

  • „Lassen Sie uns klüger sein als vor gut hundertfünfzig Jahren“

Wer den geschichtlichen Zusammenhang dieses Liedes sieht, muss sich unweigerlich die Frage stellen, welche Botschaft würde uns der Dichter heute in unserer Zeit wohl vermitteln wollen? Ich bin mir sicher, jedenfalls nicht die des trennenden, Andere ausgrenzenden Nationalstaates, des egoistischen Patriotismus, sondern ich bin fest davon überzeugt, dass er ein glühender, innerlich bewegter Europäer wäre, weil nur so Einigkeit und Recht und Freiheit für unser deutsches Vaterland im Verbund mit den Anderen erhalten werden kann.

Mit der aggressiven preußischen Politik Bismarcks, der auch das Königreich Hannover zum Opfer fiel, endete 1866 nach knapp fünfzig Jahre der auf Anerkennung, Respekt, Achtung und Solidarität ausgerichtete „Deutsche Bund“ und es begann die Zeit des Nationalismus und des überhöhten Patriotismus, die dann 1871 zum nur 37 Jahre währenden zweiten Deutschen Reich, dem sog. wilhelminischen führte. Worin diese Geisteshaltung endete wissen wir, in den unglaublichen menschlichen Katastrophen des 1. u. 2. Weltkrieges.

In diesem Jahr haben wir das 60.-Jubiläum der Römischen Verträge von 1957 gefeiert, der Geburtsstunde der Europäischen Union. Lassen Sie uns klüger sein als vor gut hundertfünfzig Jahren und Europa nicht wieder wie den Deutschen Bund von Nationalisten zerstören, denn ich bin ebenso fest wie die Väter und Mütter des Grundgesetzes und der Europäischen Einigung davon überzeugt, dass nur wer Europa unwiderruflich in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit aufbaut und es stark macht, ja es sogar unauflöslich miteinander vereint, sein Vaterland wirklich liebt und dazu beiträgt, dass es in Einigkeit und Recht und Freiheit gemeinsam mit den Anderen blühen kann.

  • „Alle Menschen werden Brüder“Festessen 2017 0

Die Präambel unseres Grundgesetzes beginnt mit den Worten: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen hat sich das deutsche Volk dieses Grundgesetz gegeben.“ Das vereinte Europa ist also der permanente Auftrag und das unzweideutiges Ziel unserer Verfassung. Das dürfen wir nie vergessen! Die Nationalstaaterei u. der Nationalismus des 19. u. 20.-Jahrhunderts sind in Wahrheit obsolet. Sie widersprechen unserem Grundgesetz diametral.

In diesem Sinne, war es nicht großartig, dass der junge französische Präsident Emmanuel Macron direkt nach seiner Wahl, als er an dem Abend aus dem Dunkel in die Öffentlichkeit hinaus trat, statt der Marseilles, also der franz. Nationalhymne – wie jeder erwartet hatte -, und die im Refrain blutrünstig dazu auffordert, „zu den Waffen Bürger, marschieren wir bis unreines Blut unsere Äcker Furchen tränkt“, stattdessen die Europahymne aus der 9. Symphonie von Ludwig v. Beethoven nach dem Text von Friedrich v. Schiller, erklingen ließ, wo es heißt: „deine Zauber binden wieder, was die Mode – sprich Zeitgeist – streng geteilt, alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“

  • „Kein Europa der Vaterländer, sondern Vaterland Europa“

Das war ein großartiges Zeichen! Ich glaube, allein das ist heute das richtig verstandene Bekenntnis zum Vaterland und wahre Vaterlandsliebe. Könnte es vielleicht sein, dass Marie Le Pen, Theresa May, Donald Trump, Recep Erdogan und viele Andere ihr Vaterland gar nicht lieben, sondern ihren patriotistischen Nationalismus nur als Vehikel zur Verwirklichung des eigenen Ego nutzen und missbrauchen?

Vor einem Monat ist Altkanzler Helmut Kohl, der Kanzler der deutschen Einheit, der große Europäer verstorben. Er war unbestritten ein wahrer Patriot, liebte seine Heimat und war gerade deshalb ein glühender Europäer. Patriotismus und Nationalismus, als Trennendem lehnte er als Historiker, wie ich aus vielen sehr persönlichen Begegnungen mit ihm weiß, unmissverständlich ab und hat aus Liebe zu seinem Vaterland unser Europa, wie er selbst gesagt hat, als seine Heimat verstanden. Er wollte nicht ein deutsches Europa, sondern europäisches Deutschland. Und am Ende seines letzten Buches mit dem Titel „Aus Sorge um Europa“ von 2014 hat er den Wunsch geäußert, dass wir eines Tages nicht mehr vom „Europa der Vaterländer, sondern vom Vaterland Europa“ sprechen mögen. Für diese Haltung hat ihn die Welt geehrt und ich sage offen, in diesem Sinne liebe auch ich Heimat und Vaterland.

In beiden Liedern, sowohl unserer Nationalhymne, als auch der Europahymne liegt die Betonung auf dem Glück durch Einigkeit und Recht und Freiheit und der Brüderlichkeit unter den Menschen. Das verbindet die beiden Hymnen und deshalb singe ich die dritte Strophe des Deutschlandliedes auch mit Überzeugung, nicht nationalistisch, sondern weil ich mich in ihr gleichsam mit Europa verbunden weiß.“

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