„Was haben Flüchtlinge und Feuerwehrleute gemeinsam? Sie sind Vertriebene.“ Was auf dem ersten Blick als geschmackloser Vergleich anmutet, bringt die derzeitige Stimmung unter den Kameraden und in der Bevölkerung auf den Punkt. Seit der umstrittenen Entscheidung des niedersächsischen Innenministeriums, zur Unterbringung die Akademie für Brand- und Katastrophenschutz zu räumen, kippt die Stimmung sichtbar. Die Kommentare in unserer Facebook-Ausgabe zeigen: Nahezu niemand zeigt Verständnis – auch nicht jene, und das ist brisant, die sich ehrenamtlich seit Wochen einbringen, spenden, helfen. Die örtliche Politik zeigt sich ebenso verärgert und ratlos und auch die Flüchtlinge wollen vor diesem Chaos fliehen. Größe in dieser Situation zeigt ausgerechnet als unmittelbar Betroffener der Leiter der NABK, Oliver Moravec: „Als Feuerwehr sind wir Teil des Systems – wir können nicht nur Feuer löschen.“


Fotos: Peter Müller

Nachdem gestern Celles Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende die Entscheidung des Landes kritisiert hat, reiht sich heute auch Landrat Klaus Wiswe ein: „Die Entscheidung halte ich für unklug. Es ist völlig unterschätzt worden, welche Signalwirkung diese Maßnahme hat, Wenn man ausgerechnet den Feuerwehrleuten ihre Trainingsmöglichkeiten nimmt. Die Ausbildung an sich ist ohnehin schon unzureichend – und wir reden nicht von einer Woche, sondern die Standorte werden wohl Monate blockiert sein. Was viele vergessen: Wir haben kein Erdbeben, Hochwasser oder andere Katastrophen – doch wenn es dazu käme, könnten wir kaum jemanden in den Einsatz schicken – die Helfer sind verbraucht“.

Immerhin, Moravec konnte gestern noch die letzten Prüflinge durchpeitschen, die eigentlich heute ihren letzten Ausbildungstag gehabt hätten: „Wir sind heute darauf eingestellt, 200 Flüchtlingen aufzunehmen. Insgesamt sollen wir 500 aufnehmen. Wir müssen dazu weitere Betten aufstellen. In Loy sollen weitere 50 unterkommen, maximal 200. Wir werden dabei vom DRK unterstützt, die wiederum von der Bundeswehr unterstützt wird“. Er appelliert an alle Feuerwehrkameraden, die aus mehreren Bundesländern in Celle eigentlich ihre Ausbildung absolvieren wollten, nicht zu resignieren und den Auftrag der Feuerwehr nicht nur im Bekämpfen von Feuer zu sehen.

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Die allgemeine Empörung nutzt der Celler Landtagsabgeordnete Jörg Bode, FDP, für ein Statement mit zusätzlichen Wahlkampfphrasen: „Die Unterbrechung der Ausbildung an der Feuerwehrakademie in Celle ist Ausdruck der Hilfslosigkeit der Landesregierung Weil, die man jetzt in Celle ausbaden muss. Ich fordere die planlose Landesregierung auf, dass sie unverzüglich damit beginnt, leerstehende Gebäude anzumieten, damit die Brandschutzausbildung spätestens zu den Herbstferien wieder aufgenommen werden kann und auch die versprochene Übergangsnutzung der Immelmannkaserne bis dahin beendet wird.“

Ein weiterer Zug mit 3-400 Flüchtlingen soll morgen früh ankommen. Aus den Kreisen der Flüchtlinge hätten sich bereits Dolmetscher zur Verfügung gestellt. „Dank ihrer Hilfe geht die Aufnahme recht ruhig und gesittet vonstatten,“ lobt Moravec und weiß, dass ein Großteil der Schutzsuchenden gar nicht in Celle bleiben möchte, sondern z.B. nach Dänemark weiterreisen will. Bereits wenige Minuten nach „Verlegung“ ins NABK sind etliche Flüchtlinge in Trupps über den Bremer Weg zurück zum Bahnhof „geflohen“ – Registrierung unbekannt, Ziel unbekannt.U

Unsere gestrige Bitte an das Innenministerium zu einer Stellungnahme der Berichte beantwortete Pistorius‘ Sprecher Philipp Wedelich postwendend mit „Das ist eine sehr pauschale Anfrage, bitte konkretisieren sie ihre Fragen“. Antworten auf unsere unverzüglich nachgereichten Fragen stehen noch aus – stattdessen kam eine Einladung zu einem Pressetermin: „Besuch des Flüchtlingshauses Osnabrück von Innenminister Pistorius mit Til Schweiger und Thomas D.“ – Zugegeben – die eindeutig bessere PR.

Unsere Fragen an das Innenministerium:

1. Warum hat sich das MI zur Unterbringung von Flüchtlingen für das NABK entschieden?
2. Warum ist die von OB Mende vorgeschlagene JVA Salinenmoor nicht nutzbar?
3. Warum halten Sie etwas für nicht möglich, was der OB für möglich hält?
4. In welchem Ausmaß hat das MI die Symbolkraft der Entscheidung bedacht?
5. Die Stimmung kippt nachweislich, auch zu beobachten in unseren Leserkommentaren. Bürger, die bis gestern positiv eingestellt waren, haben kein Verständnis mehr. Wie wollen Sie als MI entgegnen, nun keinen bzw. deutlich weniger Rückhalt zu haben?
6. Welche Lösungen sind für die Zukunft gedacht?

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