„Vielfalt der VIELEN“: Ambitioniert, aber wenig überzeugend

Kultur + Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Fr., 04.10.2019 - 16:55

CELLE. Wer den Geschäftsführer der CD-Kaserne, Kai Thomsen, schon bei Moderationen im Kultur- und Veranstaltungszentrum erlebt hat, weiß, dass er Stimmungen wahrnimmt und darauf spontan reagieren kann. Dieses Talent versuchte er auch bei der Veranstaltung des Bündnisses „DIE VIELEN“ am Abend des Tages der Einheit in der Halle 19 anzuwenden. „Wer hat denn jetzt noch Lust zu diskutieren?“, fragte er am Beginn des zweiten Teils als mit der Moderation der Diskussion Beauftragter in den Zuschauerraum. Zwei Arme zeigten auf.

Ohne den Gastgeber wollte er die Abläufe jedoch nicht anpassen, und so wandte er sich an den Intendanten des Schlosstheaters und Mitinitiator der „VIELEN“, Andreas Döring: „Was hast Du Dir dabei gedacht, an den Abschluss eines so vielfältigen Programms im ersten Teil eine Diskussion zu stellen?“. „Das ist eine total dämliche Frage“, erhielt Thomsen zur Antwort. Jede Chance zur Improvisation war damit erstickt. Wie vorgesehen, forderte der Moderator dementsprechend die Zuschauer auf, sich in Gruppen zu fünft oder sechst an die vorbereiteten runden Tische zu setzen, um darüber zu debattieren, „welche Impulse man aus so einer Veranstaltung mitnehme“, in 15 Minuten treffe man sich wieder, um sich in großer Runde auszutauschen. 

Nachdem zirka ein Drittel der zu Beginn voll besetzten Halle 19 des Schlosstheaters nach der Pause nicht zurückkehrten auf ihre Plätze – ganze Reihen blieben unbesetzt – nahmen einige Verbliebene Thomsens Aufforderung zum Anlass, nun nicht den Weg zur Bühne, sondern gen Ausgang einzuschlagen. „Aus dem ersten Teil habe ich Anregungen mitgenommen, besonders die syrischen und ezidischen Lieder und auch die Lesung aus dem Süskind-Artikel haben mir gefallen. Aber über was soll ich denn nun 15 Minuten diskutieren, viele Inhalte kennen wir doch, das wäre doch ins Blaue hinein“, begründet eine Cellerin ihren vorzeitigen Abbruch einer Veranstaltung, die mit einem sehr ambitionierten Programm an die Ausgestaltung einer „kulturellen Begegnungsfeier der Vielfalt“ aus Anlass des 29. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung ging: Zeitzeuge Dietmar Herbst blickte zurück auf die Monate des Umbruchs in der DDR und bewertete auch das Ergebnis: „Die blühenden Landschaften sind sichtbar, wenngleich nicht überall; die Aufbauleistung ist gelungen, das soziale System funktioniert.“ Von den jüngsten Wahlerfolgen der AfD in ostdeutschen Bundesländern war nicht die Rede.

Klare Worte zur gesellschaftspolitischen Situation in Deutschland fand indes Patrick Hahne als Vertreter der jüdischen Gemeinde Celle in seinem Grußwort. Mit Bezug auf das Resultat der Vereinigung von Ost und West sagte er: „Politisch: ja, wirtschaftlich: ja, gesellschaftlich: nein.“ Die Herausforderung, mit der Vielfalt der anderen klarzukommen, sei nicht bewältigt worden. Es sei traurig, dass es eines Bündnisses wie das der „VIELEN“ überhaupt bedürfe. „Die Innovationskraft in diesem Land ist groß, aber es fehlt oft an Vernunft, diese umzusetzen“, sagte Hahne und merkte speziell auf die Erklärung des Bündnisses anlässlich seiner Gründung vor einigen Monaten bezogen an: „Ich war schockiert, als ich sie das erste Mal las. Der Begriff ‚Antisemitismus‘ war an keiner Stelle zu lesen. Verstecken Sie sich nicht hinter Phrasen und abstrakten Andeutungen, subsumieren Sie nicht. Kulturschaffende dürfen offen aussprechen. Worte sind Munition, jede Phrase sitzt wie ein Schuss, Vielfalt erfordert Mut, lasst aus Worten keine Kugeln werden.“

Andreas Döring ging erst nach zwei ezidischen Liedern, vorgetragen von Joset Yavsan, zwei Musikstücken der syrisch-deutschen Formation „Gelawej“, gelesenen Auszügen aus Patrick Süskinds „Deutschland, eine Midlife-crisis“, Mehmet Daimagülers „Kein schöner Land“ sowie „Empörung reicht nicht“, einer gemeinsamen Erklärung von Kohl und Gorbatschow, einem Statement von Friday for Future-Vertretern, der eindrücklichen Vorstellung von selbstverfassten Texten geflüchteter Jugendlicher sowie zwei Liedern von Stephan Bruhn zur Gitarre auf Hahnes Aussagen ein. Als thematische Anknüpfung nutzte Döring den letzten Programmpunkt vor der Pause: Das Mitglied des Schlosstheater-Ensembles, Johann Schibli, trug eine Passage aus dem Theaterstück „Unser Dorf soll schöner werden“ von Klaus Chatten, das sich unter anderem mit Rassismus und Nazitum auseinandersetzt, vor. „Ich stimme Ihnen zu, Herr Hahne“, sagte der Intendant, warb anschließend jedoch mit Hinweis auf eine Kritik zu dem Stück, es habe keinen Gegenstand, um Verständnis für Kulturschaffende. Der Saal applaudierte laut. Seine Kritik des auch in diesem Medium als nicht gelungen rezensierten Monologs verteidigen und erläutern konnte der Autor nicht. Er war nicht anwesend, ebenso wie all jene, die die Veranstaltung vorzeitig verließen und daher auch nicht mehr in den Genuss der Performance der Leiterin der Volkshochschule, Liliane Steinke, mit dem Titel „Offenheit und (ihre) Grenzen – eine bewegte Annäherung“ kamen. Ihr Angebot, aktiv mitzumachen, setzte einen Kontrapunkt zur Diskussionsofferte, die Zuschauer nahmen es gerne an.