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Visionäres und zeitloses Bauhaus – BBK-Ausstellung in Gotischer Halle spannt Bogen zur Gegenwart

05.08.2019 - 15:36 Uhr     CELLEHEUTE    0

CELLE. Der Zahn der Zeit hat am Gartentor genagt. Kaum ein Passant würde wohl im Vorübergehen Notiz nehmen von der Patina, die sich abgelagert hat auf dem unscheinbaren baulichen Zubehör von architektonischen Meisterwerken. Der Celler Künstler Dietrich Klatt hat seine Aufmerksamkeit den kleinen Dingen gewidmet, um Großes sichtbar zu machen. Mit drei Fotografien ist er beteiligt an der am Sonntag eröffneten Ausstellung „Bauhaus – Kunst heute“ des BBK Celle und Uelzen in der Gotischen Halle. Klatt hat die Tür zum Waschhaus in der Siedlung „Blumläger Feld“, den Zaun vor der Altstädter Schule sowie ein Detail des Gartentores vor den Waschhäusern in der Blumlage abgelichtet.



Winzige Ausschnitte des baulichen Erbes von Otto Haesler, das die Residenzstadt teilhaben lässt am deutschlandweit gefeierten Jubiläum der Bauhaus-Gründung vor 100 Jahren in Weimar. „Wir sehen das Bauhaus im Kontext seiner Zeit, versuchen aber auch eine Annäherung an Kunst heute“, sagt der Vorsitzende der Celler Gruppe des Bundes Bildender Künstler (BBK), Norbert Diemert, in seiner Begrüßungsansprache. Dreißig Künstler haben 54 Werke geschaffen, die zeitversetzt in Celle und Uelzen gezeigt werden.

Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts standen nicht nur im Bereich Architektur und Design unter dem Zeichen von Vision und Aufbruch, alle Spaten der Kunst explodierten vor Kreativität und Innovation – so auch der Ausdruckstanz. Die Idee, der Vernissage eine Tanz-Performance voranzustellen, war auch vor diesem Hintergrund mehr als passend. Und so hieß es zum Auftakt vor Schlosskulisse: „TEAMBau – wir bauen uns eine neue Stadt“. In Schwarz gewandet, die Gesichter mit weißen Masken vereinheitlicht, ließ ein Ensemble der Volkshochschule die Entfaltungsmöglichkeiten, aber auch die Grenzen, die Räume in all ihren Spielarten bieten bzw. setzen können, nachempfinden. Liliane Steinke zeichnete für die Choreographie, Frank Niemöller für die Musik verantwortlich. Das zahlreich erschienene Publikum spendete viel Applaus und tauchte – auf diese Weise bestens eingestimmt – ein in die Gedankenwelt der Bauhaus-Erfinder durch den Vortrag der Fachbereichsleiterin für Kultur der Stadt Celle, Katharina Lohmann. Die Weimarer Schule nahm nicht nur Einfluss auf alle anderen Bereiche der Kunst und des Designs, ihr Stil sowie ihre Lehr- und Leitsätze verbreiteten sich – nicht zuletzt durch die spätere erzwungene Emigration vieler Mitglieder infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten – auch in der ganzen Welt. Und sie inspirieren bis heute.

Nur am Rande ragt die typische Formensprache hinein in zwei Bilder, die betitelt sind mit „Häuser in Tel Aviv“ – womöglich eine Referenz an die jüdischen Mitglieder, die gehen mussten. Das Statement „Seelenlos bauen tut den Menschen nicht gut“, hat Günter Thomaschek in den Begleittext zu seiner ausdrucksstarken und farbintensiven „Kathedrale“ aufgenommen. In der Berliner Hochhaus-Siedlung „Gropiusstadt“ hat sich der Name des Bauhaus-Gründers, Walter Gropius, in den Nachkriegsjahren verewigt. Den Startpunkt seiner Karriere als Architekt bildeten lange zuvor die Fagus-Werke in Alfeld. Horst G. Brune hat diese mit viel Glas versehene Fabrikanlage aufgenommen in sein Bild „Neues Bauen“. Mit einem Acrylstift hat er Celler Haesler-Bauten wie die Altstädter Schule und das Direktorenhaus sowie weitere überregionale Gebäude der Stilrichtung auf Leinwand gezeichnet. Der Hintergrund ist schwarz, mit knalligen Farben verfremdet er die Szenerie. Die Zeichnung ist eines der wenigen Werke der Ausstellung, die etwas tatsächlich Neues in sich tragen. Viele Exponate sind lediglich Variationen des Themas.

So inspirierte die Bauhaustreppe von Oskar Schlemmer mehrfach zur Abwandlung. Dass sich mehr Frauen als Männer in der neuen Lehreinrichtung anmeldeten, war Walter Gropius ein Dorn im Auge. Die Zahl der weiblichen Studenten sollte die der männlichen in den Klassen nicht übertreffen. Überzählige Frauen schob er daher in die Web-Klassen ab. Hier durften sogar mehr Frauen als Männer lernen und lehren. Heidrun Pfalzgrafs Wandbehang lädt zu dieser Assoziation ein und kann direkt in Zusammenhang gebracht werden mit „Die Frauen am Bauhaus während des Nationalsozialismus“ von Martina Kleinert. In puncto Gleichberechtigung war Gropius kein Meister, architektonisch sehr wohl. Erika Ehlerding fängt das Typische – also klare Linien, Kühle, Nüchternheit und Funktionalität – seines Wirkens ein in ihrem Werk „Seven looks“. Sie hat sieben verschiedene Blickwinkel auf die Bauhaussiedlungen in Celle eingenommen und diese zu einer Collage zusammengefügt. Durch digitales Überlagern interpretiert sie die an den Wohnstätten wahrgenommenen Formen neu. „Digitales“ – das gab es in den 1920er Jahren tatsächlich noch nicht, nahezu alle anderen Elemente wirken hingegen vertraut. Die von Dietrich Klatt eingefangenen Objekte mögen Patina angesetzt haben, die Ideen der künstlerischen Kollegen der 1920er Jahre taten es nicht. Sie waren dem Jahrzehnt, in dem sie ihre Spuren hinterlassen konnten, weit voraus, ihre Werke trugen die heutige Gegenwart bereits in sich. Bauhaus war visionär und ist heute zeitlos.

4. August bis 29. September 2019
Gotische Halle im Celler Schloss
Di – So: 13 bis 17 Uhr

Text/Fotos: Anke Schlicht





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