Vitamin D – Lebensretter ohne Lobby?

Medizin Von Extern | am Do., 07.01.2021 - 18:09

Wer schwer an Covid-19 erkrankt, hat häufig auch einen Mangel an Vitamin D. Unklar ist, ob der Mangel Ursache oder Folge der Erkrankung ist. Bisher gibt es bei den deutschen Behörden offenbar kein großes Interesse, die Rolle des „Sonnenvitamins“ genauer zu erforschen. CH-Gastautor Bernd Reiser mit einem umfassenden Überblick.

Wer sich mit SARS-CoV-2 infiziert und keiner Risikogruppe angehört, muss sich normalerweise keine übermäßigen Sorgen machen, auf einer Intensivstation zu landen oder gar zu versterben. Neben einem hohen Alter gibt es auch andere Faktoren, die das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes deutlich erhöhen, wie etwa Übergewicht, Herzinsuffizienz oder Diabetes. Internationale Studien zeigen aber auch: Wer schwer an Covid-19 erkrankt, hat häufig auch einen Mangel an Vitamin D. 

Japan hat die älteste Bevölkerung weltweit, doch die Zahl der Covid-19 assoziierte Todesfälle lag bis Silvester 2020 bei lediglich 3250. Das entspricht bei knapp 126 Millionen Einwohnern etwa 26 Todesfällen pro eine Million Menschen. In Deutschland waren es bis Silvester etwa 398/1 Mio. Zwar gab es in Japan offiziell auch deutlich weniger labordiagnostisch bestätigte Infektionen. Doch auch die Sterberate (Case-Fatality-Rate kurz CFR) liegt mit aktuell 1,4% niedriger als in Deutschland (2,0%).

Was also ist anders in Japan?

Es ist vermutlich eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Doch auffällig sind vor allem zwei Besonderheiten der Japaner: Sie gelten als Weltmeister des Fischkonsums und sie haben einen extrem geringen Anteil (3,3%) an adipösen, also stark übergewichtigen Menschen. In Deutschland dagegen ist etwa jeder Fünfte adipös (BMI über 30) und sogar etwa Zweidrittel der Deutschen gelten mit einem BMI über 25 als übergewichtig. Zwar ist der Vitamin-D-Gehalt nur zu einem geringen Teil von der Ernährung abhängig – 80 bis 90 Prozent bildet der Körper laut Robert Koch Institut (RKI) in der Haut mit Hilfe des Sonnenlichts selbst. Wer aber wie die Japaner viel Fisch ist, wirkt einem möglichen Vitamin-D-Mangel nachweislich entgegen. Genau das Gegenteil bewirkt jedoch, wer von allem zu viel isst: Übergewichtige Menschen sind häufiger von Vitamin-D-Mangel betroffen. Bei den überwiegend schlanken und fischliebenden Japanern ist das Problem eher selten.

Schwere Covid-19-Erkrankungen häufiger bei Vitamin-D-Mangel

Nun ist das Beispiel Japan zunächst einmal bestenfalls dazu geeignet, eine Korrelation aufzuzeigen. Und tatsächlich gelingt auch den meisten Studien zu diesem Thema nicht viel mehr. Allerdings zeigen die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen eindeutig: Wer schwer an Covid-19 erkrankte, hatte häufig auch eine mangelnde Versorgung mit Vitamin D. Ob dieser Mangel nur die Folge (umgekehrte Kausalität) der Erkrankung oder einer Vorerkrankung war, bzw. nur eine Nebenerscheinung der Risikofaktoren wie hohes Alter, Übergewicht oder Diabetes war, oder vielleicht doch die Ursache für den schweren Verlauf, ist nicht klar. 

Doch es gibt weitere Korrelationen: Dunkle Haut etwa produziert langsamer Vitamin D. Das ist in Afrika, wo es in der Regel mehr als genug Sonne gibt, kein Problem. Vielleicht ein Grund, warum Covid-19 auf dem afrikanischen Kontinent bisher eher glimpflich verlaufen ist? Dunkelhäutige Amerikaner hingegen weisen überdurchschnittlich häufig einen Vitamin-D-Mangel auf und haben zudem laut Centers for Disease Control and Prevention (CDC) ein fast viermal höheres Risiko, nach einer Corona-Infektion im Krankenhaus zu landen, und ein fast dreimal so hohes Risiko an Covid-19 zu versterben.

Kaum klinische Studien zur Wirksamkeit von Vitamin D

Könnte man sich also einfach durch Einnahme von Vitamin D vor einer schweren Covid-19-Erkrankung schützen? Belastbare wissenschaftliche Daten hierzu sind leider kaum vorhanden. Eine klinische Pilotstudie, die im Uni-Klinikum in Córdoba in Spanien durchgeführt wurde, zeigt zumindest, dass es sinnvoll sein könnte, weiter in diese Richtung zu forschen. Von den 50 Covid-19-Patienten, denen dort Calcifediol (ein Vorläufer der aktiven Form des Vitamin D und daher schneller verfügbar als handelsübliches Vitamin D) gleich zum Beginn und auch im weiteren Verlauf des Krankenhausaufenthaltes verabreicht wurde, benötigte später nur einer eine intensivmedizinische Behandlung. Von den 26 Patienten der Kontrollgruppe, die keine Vitamin-D-Behandlung bekommen haben, landete die Hälfte auf der Intensivstation, zwei verstarben sogar. 

Das Problem: In der Kontrollgruppe (ohne Vitamin D) befanden sich deutlich mehr Patienten mit Vorerkrankungen (rund dreimal so viele Patienten mit Diabetes und mehr als doppelt so viele mit Bluthochdruck). „Und wir alle wissen: Diabetes und Bluthochdruck sind entscheidende Risikofaktoren für schwere COVID-19-Verläufe“, kritisiert etwa Prof. Martin Smollich, vom Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein Anfang Oktober in der Deutschen Apotheker Zeitung.

RKI zeigt kein Interesse

Vor dem Hintergrund dieser Kritik könnte man auf die Idee kommen, eine ähnliche Studie in Angriff zu nehmen – aber größer und besser angelegt, um einen positiven Effekt eindeutig belegen oder auch widerlege zu können. Das RKI allerdings zeigt sich auf Nachfrage nicht sonderlich interessiert, der Sache auf den Grund zu gehen. Man hält Vitamin D offenbar für keinen bedeutenden Faktor in der Pandemie und verweist auf verschiedene Publikationen etwa des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Dort aber heißt es lediglich: „Es sind dem BfR derzeit jedoch keine Studien bekannt, die belegen, dass die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten vor einer Infektion mit diesem Virus bzw. vor der Auslösung der Erkrankung schützt.“ Dass es auch keinen Gegenbeweis gibt, wird jedoch nicht erwähnt.

Stattdessen heißt es weiter: „Es ist wissenschaftlich unstrittig, dass Vitamin D zur normalen Funktion des Immunsystems beiträgt und dass eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung wichtig für die Gesundheit ist. Das heißt aber nicht, dass man deshalb vorbeugend und ohne ärztliche Kontrolle hoch dosierte Vitamin-D-Präparate zu sich nehmen sollte. Fallberichte weisen darauf hin, dass die eigenständige Einnahme von Vitamin-D-Präparaten in sehr hohen Dosen gesundheitliche Risiken bergen kann.“ Auch das RKI warnt vor der Gefahr einer Überdosierung: „Bei einer übermäßig hohen Einnahme von Vitamin D entstehen im Körper erhöhte Kalziumspiegel (Hyperkalzämie), die akut zu Übelkeit, Appetitlosigkeit, Bauchkrämpfen, Erbrechen oder in schweren Fällen zu Nierenschädigung, Herzrhythmusstörungen, Bewusstlosigkeit und Tod führen können.“ 

Supplementierung von Vitamin-D nur bei einem Mangel wirksam

Für eine gefährliche Überdosierung müsste man jedoch schon erhebliche Mengen Vitamin D zu sich nehmen, zeigt eine kanadische Studie. Selbst 10.000 Internationale Einheiten (IE) pro Tag, statt der empfohlenen 800 bis 2.000 IE, seien vermutlich noch unproblematisch. Laut Europäischer Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sind für Erwachsene und für Kinder ab 11 Lebensjahren 100 Mikrogramm (4.000 IE) eine tolerierbare Gesamtzufuhrmenge. 

Eine Studie der Queen Mary University of London aus dem Jahr 2015 hat gezeigt, dass zur Prävention von grippalen Infekten, von viralen Atemwegserkrankungen und auch von Influenza eine Vitamin-D-Supplementation nur dann wirksam ist, wenn vorher ein Vitamin-D-Mangel bestand. Wer ohnehin einen guten Vitamin-D-Status hat, der erfährt durch zusätzliches Vitamin D auch keine präventive Wirkung. Man kann daraus aber offenbar auch schließen, dass man sich sehr wohl gegen die Grippe schützen kann, wenn man einen Mangel vermeidet bzw. durch Einnahme von Vitamin-D-Präparaten behebt.

Die Hälfte der Deutschen ist im Winter unterversorgt

Laut Robert Koch Institut „sind 30,2 % der Erwachsenen (29,7 % der Frauen, 30,8 % der Männer) mangelhaft mit Vitamin D versorgt“. Im Winter sind es sogar 52 Prozent. Und laut BfR haben rund 90 Prozent der Senioren in Alten- und Pflegeheimen eine suboptimale Versorgung mit Vitamin D, knapp 70 Prozent einen Mangel. Und so hält das BfR einen „gezielten Ausgleich mit Supplementen“ für „einige Bevölkerungsgruppen“ für sinnvoll. Es gebe jedoch „keine generelle Empfehlung zur Supplementierung von breiten Bevölkerungsgruppen“. Ein Vitamin-D-Mangel könne nur von einem Arzt diagnostiziert werden, mahnt das BfR. Eine Supplementierung müsse ärztlich kontrolliert werden.

Geringe Kosten, geringes Risiko aber keine Aufklärung

Natürlich ist ein hoher Vitamin-D-Wert kein Schutzschild gegen Corona oder andere Viren. Alle vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse belegen aber klar: Eine mangelhafte Versorgung ist in jedem Fall ungünstig, wenn man sein Immunsystem stärken will. Die Empfehlung, sich auch im Winter regelmäßig einer gesunden Dosis Sonnenbestrahlung auszusetzen, ist für viele Menschen - insbesondere der Risikogruppen - ganz offensichtlich nicht umzusetzen. Zumindest für sie erscheint eine Supplementierung unter ärztlicher Aufsicht daher sinnvoll. Die Kosten für eine normale Dosierung belaufen sich pro Person und Tag auf 5 bis 10 Cent, sind also vergleichsweise gering - ebenso die Gefahren. Und ein Nutzen ist zumindest nicht unwahrscheinlich. Die Bevölkerung während einer Pandemie über solche Zusammenhänge offensiv aufzuklären, wäre die Aufgaben der Behörden. Warum das Bundesgesundheitsministerium und das RKI dies nicht tun, bleibt ein Rätsel.

Text: Bernd Reiser, freier Autor