CELLE. „Was‘ los, Deutschland?“ will mehr als eine Auseinandersetzung zu einem der meist diskutierten Themen unserer Zeit sein: Die Ausstellung will informieren, intervenieren und zur selbständigen Reflexion auffordern. Sie soll junge Menschen darin unterstützen, populistischen und menschenverachtenden Meinungen und Ideologien entgegenzutreten und die Welt in ihrer Komplexität wahrzunehmen. Gleichzeitig werde zum Nachdenken über gesellschaftliche Fragen angeregt, wobei die zentrale Frage lautet: „Wie wollen wir in dieser Gesellschaft leben?“

„Es ist eines der größten Projekte, die wir jemals hatten. Zuerst stand die Idee einer Wanderausstellung zum Thema Salafismus und Islamismus. Von dieser Idee einer bloßen Ausstellung sind wir nach vier Monaten Planung abgewichen und haben uns für Interaktion entschieden“, erklärt Kai Thomsen, Projektleiter der Wanderausstellung. Die Priorität habe sich gewandelt – weg von Salafismus und Islamfeindlichkeit hin zum Zusammenleben und der Frage: „Wie reden wir übereinander?“.

Der Kern der Wanderausstellung kann als „eingefrorenes Theaterstück“ beschrieben werden. BesucherInnen bewegen sich durch eine multimediale Szenerie von 27 lebensgroßen Figuren in zwölf Szenen, die jeweils für sich, aber auch im Zusammenhang stehen. Über Lautsprecher kommunizieren die Figuren miteinander und über Kopfhörer sind ihre Gedanken zu hören. Das Schlosstheater Celle und der Jugendclub des Schlosstheaters leihen den verschiedenen Figuren ihre Stimmen und erwecken diese so zum Leben.

Die BesucherInnen sind aufgefordert, sich mit den ProtagonistInnen der Szenen auseinanderzusetzen. Dies soll durch einige Videoformate unterstützt werden, die die Zuschauenden direkt ansprechen.

Mit Betreten der Ausstellung tauchen die Gäste in die Welt der muslimischen Comic-Zeichnerin Soufeina Hamed (tuffix) ein, die mit ihrem Stil den Figuren ein Gesicht und der Szenerie ihren Charakter gibt. Hamed veröffentlicht regelmäßig Comics und Cartoons, die sich meist auf die Themen Identität, Rassismus und Islamophobie beziehen. Als interkulturelle Psychologin habe sie zudem einen anderen Blick auf diese Ausstellung und deren Wahrnehmungsebenen: „Die Alltagsszenen stellen Erfahrungen und Begegnungen junger Menschen in Deutschland dar – muslimisch oder nicht. So eröffnet sich ein vielschichtiger Erfahrungshorizont, in dem verschiedene Aspekte rund um die Themen Islam, antimuslimischer Rassismus und Islamismus verhandelt werden.“

Vertieft werden die Themen der Szenen durch Texte direkt an den Stationen, durch eine „Wissensstation“ im Zentrum der Ausstellung sowie durch zwei interaktive Spielstationen. Auch eigene Erfahrungen mit Diskriminierung hätten dabei ihren Platz, so die Ausstellungsmacher. In der Entwicklungsphase der Ausstellung waren die Spieleentwickler Eva Felder aus Leipzig und Willy Dumaz aus Halle an der Konzeption beteiligt. „In dieser multimedialen und interaktiven Umgebung sollen gerade die Jugendlichen Impulse zur Reflexion rund um den deutschen Islamdiskurs, so zum Beispiel zu Zivilcourage, Antisemitismus oder kritischer Medienrezeption finden“, wünschen sich die Veranstalter.

Im Rahmen der Ausstellung obliegt Jens Eckhoff die künstlerische Konzeption der Multimediainhalte. Eckhoff ist Multiinstrumentalist, Songwriter und Musikproduzent. Er ist Mitbegründer der Band „Wir sind Helden“, bei der er für Keyboards und Gitarren zuständig war und Hits wie „Guten Tag“, „Gekommen um zu bleiben“ und „Denkmal“ komponiert hat. Die Band hat vier Studioalben veröffentlicht, erhielt etliche Auszeichnungen (u.a. fünf Echos und mehrere 1Live Kronen) Eckhoff betreibt sein eigenes Tonstudio in Hannover, wo er Songs und Alben für so unterschiedliche Künstler wie Bela B., Veronica Ferres oder Gisbert zu Knyphausen produziert. Eckhoff ist Preisträger des Praetorius Musikpreises Niedersachsen.

„Was‘ los Deutschland?“ wurde von der CD-Kaserne Celle im Auftrag des Landesdemokratiezentrums Niedersachsen entwickelt und realisiert. An der interdisziplinären Ausstellungsentwicklung waren IslamwissenschaftlerInnen, KulturantrhopologInnen, Jugendmarketing- SpezialistInnen, TheaterschauspielerInnen, KulturwissenschaftlerInnen und Systemische Fachleute beteiligt.

Das Konzeptionsteam der Ausstellung besteht aus dem Projektleiter Thomsen, Geschäftsführer der CD-Kaserne, Viola Schmidt (Kulturantrhopologin), Jannik Veenhuis (Islamwissenschaftler) und Stefanie Fritzsche (CD-Kaserne). Dieses Team wurde während der anderthalbjährigen Konzeption und Umsetzung der Ausstellung von ca. 50 Beteiligten unterstützt und beraten. Zum Ende hin hätten bis zu 100 Personen mitgewirkt. „Bei der Konzeption hat uns unsere Erfahrung der ersten Wanderausstellung ‚Oh, eine Dummel‘ geholfen“, so Thomsen.

In der Steuerungsgruppe unter der Leitung von Dr. Menno Preuschaft, die von Anfang an eingebunden war, sind das niedersächsische Landesdemokratiezentrum als Initiator der Ausstellung sowie das Niedersächsische Kultusministerium und die Landeszentrale für politische Bildung vertreten. Seit 2019 wird diese Gruppe durch eine Vertreterin der Stiftung Niedersachsen ergänzt.

Besonders die Mitglieder des muslimischen, satirischen YouTube-Formates „Datteltäter“ und des Theaterkollektivs „Markus und Markus“ haben sich laut CD-Kaserne an der Entwicklung der Wanderausstellung beteiligt. Zu den beteiligten Akteuern teilt die CD-Kaserne mit:

„’Die Datteltäter‘ sind eine erfolgreiche YouTube-Gruppe, die aus muslimischer Perspektive kulturelle Klischees auf’s Korn nimmt. Oft richten sich die Satiriker mit ihren Videos gegen Islamisten und Rechtsradikale. Die Datteltäter wurden bereits mehrfach ausgezeichnet u.a. mit dem Grimme Online Award. Im Rahmen der Ausstellung sind die Datteltäter an den Figuren und der Dialog-Entwicklung beteiligt. Außerdem werden einige ihrer Videos innerhalb der Ausstellung gezeigt. Das Team der Datteltäter, das mitgewirkt hat, besteht aus: Younes Al-Amayra, Fiete Aleksander, Marcel Sonneck, Said Haider, Nour-El-Houda Khelifi, Toya Zurkuhlen und Esra Karakaya.

Markus&Markus ist ein Theaterkollektiv aus Hildesheim, das seit 2011 mit politischem Theater auf sich aufmerksam macht. In den Inszenierungen der Gruppe lösten sich oft die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auf. Seit 2016 erhalten sie die Konzeptionsförderung des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur. Im Sommersemester 2017 hatten sie einen Lehrauftrag an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig inne. Ihr neuestes Stück ist ein Stück über den Islam, hier setzte sich das Theaterkollektiv auf der Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen intensiv mit der Thematik auseinander. Im Rahmen der Ausstellung haben Markus & Markus die Figuren und Dialoge mitentwickelt. Redigiert wurden alle Texte durch die Politikfachgruppe des Kaiserin-Auguste-Viktoria- Gymnasiums Celle.

Mit Werkhaus wurde auch im Bau der Ausstellung ein nachhaltiger und beständiger Partner gefunden. Die niedersächsische Firma blicke auf jahrelange Messe- und Ausstellungsbauerfahrung zurück und ermöglicht durch ihr einmaliges Stecksystem einen leichten, dennoch stabilen Aufbau der Ausstellung, die sich so bundesweit an die verschiedenen Anforderungen der Ausstellungsorte anpassen lasse.

Finanziert wird „Was‘ los Deutschland“ durch den Landespräventionsrat im Niedersächsischen Justizministerium mit Mitteln von 150.000 Euro aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) sowie durch die Stiftung Niedersachsen und das Niedersächsische Kultusministerium.“

Am Montag, den 27. Mai wird die Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit im Rahmen einer Vernissage präsentiert, bevor sie durch ganz Deutschland tourt. Diese beginnt um 13:30 Uhr im Foyer der CD-Kaserne in Celle. Neben dem Oberbürgermeister der Stadt Celle, Dr. Jörg Nigge, und zahlreichen Projektbeteiligten, wird die Niedersächsische Justizministerin, Barbara Havliza, persönlich ein Grußwort halten und die Ausstellung eröffnen.

Anschließend wird die Ausstellung noch bis einschließlich Freitag, den 7. Juni, in der Celler CD-Kaserne geöffnet sein. Die Öffnungszeiten sind der Homepage der CD-Kaserne zu entnehmen oder telefonisch unter 05141-97729-0 zu erfahren. Gruppen und Schulklassen müssen ihren Besuch im Vorfeld anmelden, dies können Sie per E-Mail an s.fritzsche@cd-kaserne.de oder telefonisch unter 05141-97729-0. Schon vor Eröffnung sollen Klassen und Vereine die Möglichkeit bekommen, die Ausstellung zu testen, kündigt die CD-Kaserne an. Ein Besuch der Ausstellung eigne sich für Klassen der Stufen neun bis zwölf der weiterführenden Schulen sowie Jugendgruppen, zum Beispiel aus Feuerwehr, THW, Sportvereine, Jugendtreffs etc.





Sie müssen sich registrieren oder anmelden, um diesen Beitrag zu kommentieren.