„Kunst ist Fühlen“ – Wassem Alahmad stellt in „Wandliebe“ aus

Kunst Von Anke Schlicht | am Do., 15.10.2020 - 08:36

CELLE. Als führten sie in ein undurchdringliches Inneres, muten die Bilder des Künstlers, Wassem Alahmad, an. Eine mit energischem Pinselstrich aufgetragene Ebene überlagert die nächste in unterschiedlichen, aber stets geschwungenen Formen. Der größte Teil seiner Werke ist abstrakt, wenn sich etwas Figürliches in die farbigen Untiefen verirrt, dann sind es Gesichter oder Menschen, denen etwas Unheilvolles zu widerfahren scheint, ihre anfänglich normale Welt hat sich aufgelöst in etwas Desaströses. Bequem sitzt eine Person in einem Sessel, doch nur die Haltung zeigt noch Entspanntheit in uns bekannter Pose, über Kopf und Oberkörper ist etwas hereingebrochen, was den Abschied von allem Bisherigen bedeutete.

„Kunst ist Fühlen“, sagt Wassem Alahmad, „die Bilder sollen mit dem Betrachter interagieren.“ Diese Gelegenheit haben die Celler ab kommenden Samstag, „Wandliebe“ – Tapetenladen und Museum am Kleinen Plan - stellt den aus dem kurdischen Teil Syriens stammenden Maler aus. Überschrieben hat der 34-Jährige die Schau „Dritte Lunge“. Wer vermutet, der studierte Apotheker könnte dieses wörtlich meinen und in seine Werke Anatomisches hineininterpretiert, irrt. „Nein“, weist der 34-Jährige eine Anspielung auf Körperwelten ebenso energisch zurück, wie er den in Öl- oder Acrylfarbe getauchten Pinsel schwingt, „der Titel ist in übertragenem Sinne gemeint“ und erläutert: „‘Dritte Lunge‘ ist die Lunge, die du brauchst, wenn dein Körper viel mehr Sauerstoff benötigt, als beide Lungen liefern können. Dieses gilt auch für die Seele… ein weiteres Organ, das dir andere Horizonte eröffnet, um mindestens einen Schritt auf der Leiter der Freiheit aufzusteigen.“

Wassem Alahmad malt seit seiner Kindheit, hat sich autodidaktisch fortgebildet, einer bestimmten Kunstrichtung ordnet er sich nicht zu, „am ehesten dem Expressionismus“, sagt er und ergänzt augenzwinkernd mit Blick auf seine Werke: „Das ist Kunst international.“ Er erhielt schon einige Male die Chance, auszustellen, zuerst 2010 in Syrien, später in der Türkei und im Jahr 2017 in der Autonomen Region Kurdistan. Seit 2018 lebt er in Celle, und auch hier konnte er seine Bilder gleich an einer anderen renommierten Adresse am Kleinen Plan, nämlich in der gleichnamigen Galerie von Dr. Walter Jochim, präsentieren.

Heiner und Marianne Stumpf haben den künstlerischen Weg Wassem Alahmads nicht erst seit seiner Ankunft in Deutschland begleitet, schon 2016 zeigten sie Werke von ihm unter dem Titel „Der heiligste Augenblick des Todes“ in ihren Räumen in der Altstadt. „Ich sehe eine Veränderung“, kommentiert Marianne Stumpf die neuen Bilder, „sie sind leichter, offener, farbiger, die Formen sind weicher.“

Der Künstler nickt zustimmend, den Versuch einer Erklärung, es könne mit seiner neuen Umgebung zu tun haben, weist er nicht als zu einfach zurück, ganz im Gegenteil, er sieht einen klaren Zusammenhang: „Ich fühle mich wohl hier, ich sehe es als eine Chance, hier sein zu können.“ Sein berufliches Nahziel ist eine weitere Qualifikation im Apothekenwesen, doch der Malerei bleibt er treu: „Ich kann nicht ohne Kunst leben, sie ist für mich eine dritte Lunge!“

Gezeigt wird die gleichnamige sehr sehenswerte Schau vom 17. Oktober bis zum 12. Dezember 2020. Eine Vernissage entfällt aufgrund von Corona, eröffnet wird am kommenden Samstag um 16 Uhr, bis 18 Uhr können die Bilder zum Auftakt unter Anwesenheit des Künstlers in Augenschein genommen werden, nachfolgend zu den gewohnten Öffnungszeiten von „Wandliebe“, Kleiner Plan 2, 29221 Celle.