„Wer Freihandel gefährdet, schädigt sich selbst“

Wirtschaft Von Redaktion | am Mi., 10.05.2017 - 18:05

CELLE. Zum fünften Mal fand gestern im Rittersaal des Celler Schlosses ein Abend der Veranstaltungsreihe „Celler Schloss-Gespräche“ statt. Rund 140 Führungskräfte aus Wirtschaft, der Verwaltung und der Politik waren gekommen, um sich zum Thema „My country first – Trump, Brexit & Co. verändern die Welt“ zu informieren. Organisiert wird die Veranstaltungsreihe von NiedersachsenMetall und der Deutschen Management Akademie Niedersachsen (DMAN).
Welche Auswirkungen kann es für den deutschen Mittelstand haben, wenn immer mehr Länder ihre heimische Wirtschaft durch protektionistische Maßnahmen schützen wollen? Zwingen Handelshemmnisse deutsche Firmen, ihre Auslandsengagements zu überdenken? „Neben dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel ist der Protektionismus die nächste große Herausforderung – die deutsche Wirtschaft sollte vorbereitet sein“, erläuterte Harald Becker, Geschäftsführer der DMAN, zu Beginn der Veranstaltung, warum man zu dem Thema eingeladen habe.

Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, machte in einem Impulsvortrag unter dem Titel „Protektionismus und der deutsche Mittelstand: Wie robust ist das deutsche Wirtschaftsmodell?“ zunächst deutlich, dass Wettbewerb, anders als oft (derzeit besonders von den USA) kolportiert, kein Kampf des einen gegen den anderen darstelle. Er lebe davon, dass alle mitmachen können und am Ende besser dastehen als zuvor. Das gelte auch für den globalen Wettbewerb.

Hüther erklärte, dass der Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt seit den 90er Jahren in Deutschland vor allem wegen des hohen Industrie-Anteils in unserem Lande viel stärker gestiegen sei, als beispielsweise in den USA, in Großbritannien, Japan, Italien oder Frankreich. „Die Industrie ist zudem stark mit Dienstleistern verwoben“, so der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. Dadurch gebe es auch eine verstärkte Wertschöpfung durch den Verbund Industrie/Dienstleister. Das deutsche System sei insgesamt robust aufgestellt und passe perfekt in das Globalisierungssystem. Protektionismus und Populismus seien „Bremsklötze“ der Globalisierung. Vom Brexit und der Trump-Wahl seien die deutschen Unternehmen bislang allerdings relativ unbeeinträchtigt.

Im Anschluss an den Vortrag nahmen Uwe Hehl, Vorstand Veritas AG, Gelnhausen, Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer NiedersachsenMetall und Hüther unter Leitung von TV-Moderatorin Astrid Frohloff das Thema noch einmal in einer Diskussionsrunde auf. Auch hier wurde in unterschiedlichen Beiträgen deutlich gemacht, dass Deutschland aufgrund der großen Leistungsfähigkeit seiner Ingenieure, seines dualen Ausbildungssystems und des hervorragenden After-Sales-Services deutscher Unternehmen vielen Ländern und insbesondere auch den USA gegenüber einen Wettbewerbsvorteil habe. Die USA seien auch weiterhin strukturell auf Importe angewiesen, selbst wenn die Produktion im eigenen Land vorangetrieben werde. „Soll Trump doch die Zölle nehmen – die Zeche zahlen im Endeffekt die Amerikaner selbst“, sagte Schmidt.

Zum Thema Abschottungstendenzen auch anderer Länder wurde auf versteckte Handelsbarrieren eingegangen. „Nicht tarifäre Handelshemmnisse sind das eigentliche Thema“, erklärte Hüther. Unter anderem deshalb habe man das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP auf den Weg bringen wollen.

Einig waren sich die Experten darüber, dass Deutschland aufgrund seiner Wettbewerbsvorteile auch mit Blick auf kommende Herausforderungen insgesamt gut dastehe und dass ein fairer Handel von Vorteil für alle Länder sei. „Wer Freihandel gefährdet, schädigt sich selbst“, so ihr Urteil. Im Anschluss an die Diskussionsrunde hatten die anwesenden Gäste Gelegenheit, sich beim „Get together“ sowohl mit den Experten als auch untereinander auszutauschen. Musikalisch untermalt wurde die Veranstaltung durch „Sophiel zum Thema Jazz“.

Fotos: Peter Müller