HERMANNSBURG. Ganz anders, als sie jeden Tag in Politik und Medien behandelt wird, hatten sich Schüler des Christian-Gymnasiums der so genannten „Flüchtlingsproblematik“ genähert. Sie trugen den Text „Ein Morgen vor Lampedusa“ von Antonio Umberto Ricco am Donnerstag, dem 2. November, in der Aula der Schule in einer von Musik begleiteten szenischen Lesung vor, bei der auch der Autor anwesend war. Bei einer darauf folgenden Podiumsdiskussion ging es um die Arbeit mit Flüchtlingen in Hermannsburg.

Am 3. Oktober 2013 versank ein mit 545 Flüchtlingen überladener Kutter kurz vor der italienischen Insel Lampedusa im Mittelmeer. 366 Menschen aus Eritrea, Somalia, Äthiopien und Syrien ertranken. In dem Text, den neun Schülerinnen und Schüler mit verteilten Rollen lasen, kommen diejenigen zu Wort, die die Katastrophe überlebt haben sowie Einheimische Lampedusas, die ihnen geholfen hatten. An eine Leinwand projizierte Fotografien des Geschehens und musikalische Einspielungen begleiteten die Lesung und schufen eine beklemmende Atmosphäre, die die oft erschütternden Erlebnisberichte in ihrer Wirkung nochmals verstärkte. Schlussendlich stand die Erkenntnis im Raum stand, dass es bei dem Thema Flüchtlingspolitik nicht nur um Zahlen und Obergrenzen geht, sondern um die Frage, wie es um die Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe in Europa bestellt ist.

Damit war eines der Hauptziele des Textes erreicht, den der italienische Autor Antonio Umberto Ricco unter Verwendung dokumentarischen Materials verfasst hat. Der ehemalige Schulleiter und Schriftsteller war nach Hermannsburg gekommen, um die Inszenierung am Christian-Gymnasium zu besuchen, und er berichtete über die Entstehungsgeschichte seines Werks, das auch die Akzeptanz von Flüchtlingen durch die einheimische Bevölkerung fördern soll.

Wie es mit der Hilfe für Geflüchtete vor Ort, in Hermannsburg, aussieht, war anschließend das Thema einer Podiumsdiskussion. Die Diskussionsteilnehmer legten den Fokus sowohl auf die Flüchtlingsarbeit in der Gemeinde Südheide als auch auf Fluchtursachen im Allgemeinen. Johanna Ottermann vom Verein „Runder Tisch Migration Südheide“ hat in Zusammenhang mit ihrem Bericht das große ehrenamtliche Engagement in der Gemeinde betont. Dem Erwerb der deutschen Sprache komme eine Schlüsselrolle zu, um Perspektiven zu schaffen. Dies haben auch Pia Koscielny, die als Lehrerin am Christian-Gymnasium die Sprachlernklassen betreut, und Evet Bebawy, die Leiterin des Mutter-Kind-Cafes, betont. Im Rahmen des Mutter-Kind-Cafes (immer samstags am Vormittag im „Fiesta“-Jugendtreff) wird auch die deutsche Sprache erlernt. Dieser Treffpunkt stelle den Kontakt in die Flüchtlingsfamilien sicher und sorge auf der einen Seite für eine Vernetzung dieser Familien untereinander, auf der anderen Seite leiste er einen wichtigen Beitrag auf dem Weg einer gelingenden Integration.

Pastor Markus Nietzke betonte, dass in der Gemeinde Südheide sehr viel für Geflüchtete getan werde. Insbesondere das Engagement des Christian-Gymnasiums und der Sportvereine finde er großartig. Seine Familie hat selbst ein Pflegekind aufgenommen, das aufs Gymnasium geht. Für ihn stelle dies eine große Bereicherung dar. Seinen eigenen Migrationshintergrund sieht er auch als Verantwortung gegenüber der aktuellen Situation.

Der Schülersprecher Bjarne Rudolph (Jahrgang 12) moderierte die Diskussion souverän und verknüpfte die Wortbeiträge geschickt, sodass zusammen mit der Lesung ein Abend gelang, der zum Nachdenken anregte und zum Helfen aufforderte. Letzteres nahm sogleich seinen Anfang: „Für das Mutter-Kind-Cafe spendeten die Gäste insgesamt etwas über 250 Euro“, berichtet der Gymnasiallehrer Dirk Gerlach-Strzelski, der die Veranstaltung zusammen mit seiner Kollegin Katrin Schach organisiert hatte. „Hierfür sagen wir Danke – und natürlich für das herausragende Engagement der Schüler, die Enormes geleistet haben.“

Sie müssen sich registrieren oder anmelden, um diesen Beitrag zu kommentieren.