Wiedergeburt einer Kultband: „The New Piccadilly“ planen Premiere auf Eldinger Dorffest

Kultur + Gesellschaft Von Redaktion | am So., 14.07.2019 - 13:45

ELDINGEN. Piccadilly – dahinter verbirgt sich eigentlich eine berühmte Straße im Herzen Londons, doch wenn man den Eigennamen klein schreibt und ein überdimensionierter roter Kreis den zweiten Buchstaben ziert, dann steht der Begriff für eine Kultband. Die fünf Jungs, die sich 1967 in Eldingen zu einer Musikgruppe formiert hatten und sich mit dem roten I-Punkt eines heute immer noch modernen Logos bedienten, waren angesagt im Celler und Wittinger Raum. Mit Pop und Schlager sorgten sie für Stimmung auf Sälen und in Kneipen, so manches Paar fand sich auf Veranstaltungen, wo sie spielten, Erinnerungen knüpfen sich an die Auftritte der damals langhaarigen Hobbymusiker.

„Dieser Band reiste man einfach hinterher – jedes Wochenende“, hieß es im vergangenen Jahr von zahlreichen Besuchern des Eldinger Sommerfestes. Noch einmal hatten sich die Mitglieder für ein Revival auf die Bühne begeben und einen Erfolg vor großem Publikum gefeiert. Definitiv den letzten – wie mittlerweile feststeht. Im Jahr 1975 hatte sich die Gruppe aufgelöst, sporadisch fanden sich einige Mitglieder Jahrzehnte später noch einmal für Auftritte in privatem Rahmen oder öffentlichen Veranstaltungen zusammen. Nun gibt es „The piccadilly“ nicht mehr.


 

ALTERSMIX VON 21 BIS 67

„Ich bin der einzige, der musikalisch weitermachen will“, verkündet Bassist Detlev Lemke das Ende einer Band, um im gleichen Atemzug die Geburt einer neuen Formation bekannt zu geben: „The New Piccadilly“. Das allein ist schon bemerkenswert, doch Lemke ist im Zuge dieser Neuformierung etwas gelungen, das der Combo ein Attribut verleiht, das im Musikgeschäft alles andere als selbstverständlich ist. Das „piccadilly“-Urgestein hat eine Mehrgenerationenband aus der Taufe gehoben – von 21 bis 67 Jahre reicht das Spektrum. Fast noch wichtiger als der Altersmix ist jedoch eine andere Innovation: „Wir haben jetzt zwei Frauen dabei, und mit unserer Leadsängerin eine echte Bank da vorne stehen“, zeigt Lemke sich begeistert von seinen neuen Mitstreiterinnen, die mit 39 bzw. 48 Jahren die 40- bis 50-Jährigen repräsentieren. „Nein, mir waren die ‚piccadilly‘ kein Begriff“, sagt Sängerin Sandra Stempniewicz. Und auch die Keyboarderin und zweite Frontfrau Cordula Lemke-Peters hat sie live nie erlebt. Für ihren Onkel Detlev ist dieses nicht von Belang. Er hat einige Zeitungsberichte, Fotos und Plakate von damals – unter anderem eines zu einem Wettbewerb in Hannover, an dem auch die Scorpions teilnahmen, die sich jedoch gegen die Regionalgrößen vom Zonenrand nicht durchsetzen konnten – in seinem Studio hängen.

Das Vergangene hat durchaus seinen Platz, aber wichtiger ist ihm, eine Brücke in die Gegenwart und möglichst auch in die Zukunft zu bauen. „Ich konnte mich, als feststand, dass wir endgültig Schluss machen, aus der damaligen Zeit lösen, ich trauere dem nicht hinterher, aber wir waren DIE Band aus Eldingen, und es wäre schön, wenn es uns gelingt, das am Leben zu erhalten“, sagt der 67-Jährige, der nun mit Kollegen auf der Bühne stehen wird, die seine Enkel sein könnten. „Die lassen sich noch was sagen“, scherzt Lemke über die beiden jüngsten im Bunde: Gitarrist Maximilian Gladysch ist 23, sein Bruder und Schlagzeuger Philipp 21 Jahre alt. Anders als beim weiblichen Neuzugang, der auf privater bzw. verwandtschaftlicher Ebene rekrutiert wurde, gestaltete sich die Suche nach rein instrumentaler Komplettierung schwierig. „Vier Annoncen in unterschiedlichen Medien blieben erfolglos, doch plötzlich waren die beiden Jungen aus Lachendorf da“, berichtet Lemke. „Wir haben in Schülerbands gespielt, dann kam ein Bruch, nichts ging mehr“, erzählen die beiden Brüder - bis sie auf „The New Piccadilly“ stießen.

VON WELTHITS BIS SCHLAGER

Das „New“ im neuen Namen bezieht sich keineswegs nur auf die Zusammensetzung. „Die Musik von damals, also 60er und 70er, mag ich noch leiden, die spielen wir auch, aber ich war so dankbar für den Input meiner neuen Kollegen“, berichtet der Bandsenior, „die sind doch weiter vorne interessiert und diese neuen Impulse brauchst du.“

Cordulas Favoriten sind Phil Collins, Depeche Mode, Abba und Fleetwood Mac. „Bei uns zu Hause lief viel deutsche Musik, Juliane Werding und Marianne Rosenberg zum Beispiel, damit bin ich groß geworden“, blickt Leadsängerin Sandra auf ihre Kindheit in Eldingen zurück. Und so reicht das Repertoire von Klassikern der 60er über deutschen und internationalen Pop bis zum Schlager von Ute Freudenberg und Kerstin Ott. „Wir nehmen unser Publikum mit auf eine Zeitreise durch die Popgeschichte, dabei springen wir in den Jahrzehnten hin und her“, sagt Sandra und gibt damit einen Vorgeschmack auf die Premiere von „The New Piccadilly“.

Das Eldinger Sommerfest im vergangenen Jahr war das Ende der alten Band, die Neuauflage im laufenden Jahr wird zur Geburtsstunde der neuen Formation. Am 20. Juli verwandelt sich der Platz am Sozioökonomischen Zentrum, rund um das Ristorante Mediterrano, zur Open-Air Feier- und Konzertmeile. Ab 17 Uhr gibt es mit dem Singer/Songwriter Michael Insinger, den „New Piccadilly“ sowie einem DJ zu vorgerückter Stunde durchgehend Musik. Veranstalter ist die Band selbst. „Wir möchten ein Fest feiern, bei dem Jung und Alt zusammenkommt“, sagt Lemke. Musikalisch wird dieses Leitmotiv sowohl vom Repertoire als auch von der generationenübergreifenden Zusammensetzung her umgesetzt werden. Leidenschaft für eine Sache zu entwickeln kennt keine Altersgrenzen. Der Satz des 67-jährigen Bassisten könnte ebenso vom 21-jährigen Schlagzeuger stammen: „Ich brenne buchstäblich für die Musik.“

Text: Anke Schlicht