„Wir haben noch keinen gesellschaftlichen Konsens beim Thema Antisemitismus“

Religion Von Anke Schlicht | am Mi., 19.02.2020 - 16:32

CELLE. Offene Worte abseits gängiger Formeln waren am Montagabend in der Stadtkirche zu hören. Innerhalb der Veranstaltungsreihe „Kirche trifft…“ in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hielt der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Dr. Felix Klein, ein Referat in dem gut gefüllten Gotteshaus. Die sich anschließende Podiumsdiskussion war mit der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Celle, Dorit Schleinitz, dem wissenschaftlichen Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Dr. Thomas Rahe, sowie dem Verantwortlichen für politische Bildung der VHS und Vertreter des mitveranstaltenden Celler Netzwerkes gegen Antisemitismus, Enno Stünkel, fachkompetent besetzt.

Auf die Frage des Moderators, ob Begegnung eines der wichtigsten Mittel gegen sich verstärkende Judenfeindlichkeit sei, antwortete Enno Stünkel, er habe hier große Skepsis: „Antisemitismus speist sich aus Bedürfnissen, die nichts mit Juden zu tun haben.“ Zudem greife Begegnung die Macht von Stereotypen nicht an. Hinsichtlich der Unterstützung der Arbeit des Netzwerkes sprach er von großer Enttäuschung, es werde von Jahr zu Jahr schlechter. Anträge innerhalb des von der Bundesregierung aufgelegten Programms „Demokratie leben“ seien z.B. abschlägig beschieden worden.

Offizielle Bekundungen nach antijüdischen Ereignissen würden in der Bevölkerung oft nur Langeweile hervorrufen. „Ich warne davor zu glauben, wir hätten den Konsens zum Thema Antisemitismus schon erreicht. Die Gesellschaft hat ein großes Problem in der Wahrnehmung von Antisemitismus.“ Auf der anderen Seite hätten viele Antisemiten ein feines Gespür für Unehrlichkeit in der Debatte, mahnte Stünkel. Nach Vorfällen sei der Aufschrei groß, aber die Normalität würde oft aus den Augen verloren. Die Tradierung der alten Klischees müsse durchbrochen werden, gute Konzepte für Bildungsarbeit lägen vor. 

Mit Blick auf die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte Bergen-Belsen wies Dr. Thomas Rahe darauf hin, dass die Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen intensiviert werden müsse. „Wir sind überfordert“, sagte er. Ob Besuche von Schülergruppen Wirkung erzielten, hänge sehr stark von der Vorbereitung in den Schulen ab. Es gebe hier große Unterschiede. Die Gedenkstätte allein könnte die nötigen pädagogischen Maßnahmen nicht leisten. „Wir brauchen viele Akteure. Und von Pflichtbesuchen halten wir gar nichts“, betonte Rahe. Ein potentielles Thema für die Bund-Länder-Kommission, auf die Dr. Felix Klein mehrfach in seinem Referat verwies. Hier tauschen sich die Antisemitismus-Beauftragten der Bundesländer regelmäßig aus, auch Kirchen und Staatsanwaltschaften hätten mittlerweile diese Funktion eingerichtet.

Welche Befugnisse und Kompetenzen diese hätten, fragte Dorit Schleinitz vor dem Hintergrund von Sicherheitsmaßnahmen. Mit der Celler Polizei und dem Landeskriminalamt laufe alles gut. Aber wenn es um Gelder auf Länderebene für Sicherheitsanforderungen ginge, dann „steht man als Gemeinde alleine da“. Klein machte deutlich, dass die Inhaber der Stellen unterschiedlich angesiedelt seien. In Niedersachsen sei ein solcher Posten noch gar nicht eingerichtet. Bisher bekleidete diese Positionen auf Länderebene nur eine Person jüdischen Glaubens, merkte Schleinitz an.

Den Schüleraustausch sieht sie als wirkungsvolle Präventionsmaßnahme, darüber hinaus zeigte auch die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde sich bezüglich des Erfolgs von persönlichen Begegnungen skeptisch, zudem gebe es nur wenige Juden in Deutschland, was eine natürliche Grenze setze. Mitglieder der Gemeinde berichteten ihr von antisemitischem Verhalten in Schulen. Dann hieße es oft: „Nehmen Sie ihr Kind doch aus der Schule.“ Die Lehrer stünden häufig hilflos vor dem Problem. Es gebe Absichtserklärungen, aber keine Angebote für Schulungen. „Wenn man etwas tun will gegen Antisemitismus, dann muss man bei den Kindern anfangen.“

Klein nannte als Antwort die generelle Meldepflicht für antijüdische Vorfälle an Schulen. Würden Lehrer dieser nicht nachkommen, hätte dieses disziplinarrechtliche Folgen. Zudem solle der Umgang mit Antisemitismus zu einem verpflichtenden Bestandteil der Lehrerausbildung werden. Eine unerlässliche Neuerung vor dem Hintergrund von Kleins Aussage: „Studien belegen, dass die Jüngeren ebenso feindlich sind wie die Älteren.“ Für viele sicher schwer nachzuvollziehen, auch angesichts weiterer Fakten des Referates: Der erste Nachweis für die Existenz jüdischen Lebens in Deutschland ist 1.700 Jahre alt, sagte Klein und ergänzte: „Das Judentum gehört zu Deutschland. Jüdisches Leben ist immer schon Teil des Lebens in Deutschland gewesen.“