NIENHAGEN. Gleich zwei Termine hatte sich Elli H. Radinger für Nienhagen reserviert. Der Vortrag am Vormittag richtete sich an Schüler der Oberschule Wathlingen und auch aus Celle vom Schulzentrum für Gesundheitsberufe hatten sich Schüler mit Lehrern auf den Weg nach Nienhagen gemacht. Am Abend referierte sie für Erwachsene. Insgesamt folgten rund 160 Personen dem Vortrag der Autorin, die interessante und spannende Episoden aus ihrer jahrelangen Beobachtung der Wölfe lebendig werden ließ.

Die Wolfsexpertin und unabhängige Naturforscherin, die seit mehr als dreißig Jahren wildlebende Wölfe beobachtet und ihr Sozialverhalten erforscht, lenkt mit der These, „die Wölfe sind die besseren Menschen“, das Interesse der Zuhörer geschickt auf das beispielhafte Sozialverhalten der Wölfe. Das Leben der Wölfe in ihrem Rudel, das man aus ihrer Sicht besser als Familienverbund bezeichnen sollte, habe sie dabei am meisten in den Bann gezogen und die Wolfsregeln “Liebe deine Familie. Sorge für die, die dir anvertraut sind. Gib niemals auf. Hör nie auf zu spielen.“, definiert. Diese seien laut der Autorin auch auf das menschliche Miteinander übertragbar. „Ist ein Mitglied der Familie krank, so wird es von den anderen liebevoll gepflegt und mit Nahrung versorgt und es wird gerne und viel miteinander gekuschelt“, vergleicht sie das Sozialverhalten der Wölfe.

„Weidetierhalter können vorsorgen“

Leittiere seien in der Regel Vater und Mutter. Jedes weitere Tier bringe sich nach seinen Fähigkeiten in den Familienverbund ein. So gäbe es die ruhigen und zurückhaltenden, Charaktere, ebenso wie die draufgängerischen, neugierigen Teenager. Und jedes Tier finde seine Aufgabe, sei es beispielsweise als Babysitter oder als „Hetztier“ bei der Jagd, Der Familienverbund funktioniere bei den Wölfen aufgrund ständiger Kommunikation, einer starken Führung und der achtsamen Sorge um Harmonie.

Die Ängste und Sorgen der Nutztierhalter könne sie gut nachvollziehen und weist darauf hin, dass gute Erfahrungen mit starken Elektrozäunen, Bewachung durch Hunde und die Kombination mit Eseln oder Lamas gemacht worden seien. Wildlebende Wölfe seien ängstliche Tiere und würden vor einem Angriff gut abwägen, wie hoch die Gefahr eigener Verletzungen sei. Ein Schlag durch einen Elektrozaun signalisiere, da beißt etwas, und so würde das Gebiet künftig gemieden. Esel würden mit ihrem lauten Geschrei die Wölfe in die Flucht schlagen und Lamas würden aufgrund ihrer Größe den Wölfen Angst einjagen.

„Es ist normal, dass ein Wolf abends durch ein Dorf spaziert“

Dass Wölfe ihre Beutetiere vom Bauch her reißen sei darin begründet, so Radinger, dass die Haut im Bauchbereich am dünnsten sei und somit für den Wolf leichter zugänglich. Das Gedärm und der Pansen werde herausgerissen, bleibe aber für andere Tiere, wie zum Beispiel Füchse, Raben oder Greifvögel zurück, die Wölfe selbst versorgten sich eher mit Herz, Leber und Muskelfleisch.

Wölfe seien, so führt sie weiter aus, sehr anpassungsfähig und würden sich auf die jeweiligen Gegebenheiten einstellen. Es sei also völlig normal, dass ein Wolf sich Ortschaften nähere oder in der Dämmerung mal durch ein Dorf spaziere. Als Beispiel nannte sie die sogenannten „Spaghetti-Wölfe“ in Rom. Wichtig sei bei einer zufälligen Begegnung das richtige Verhalten des Gegenübers, nicht wegzulaufen, sondern aufrecht stehenzubleiben und mit kräftiger Stimme z.B. „Hau ab!“ zu rufen oder in die Hände zu klatschen um das Tier zur Flucht zu bewegen.

Das Verhalten von Gehegetieren sei mit denen in freier Wildbahn nicht vergleichbar, ist die Forscherin überzeugt. Das Gehege sei vergleichbar mit einer Inhaftierung in einem „Knast“ und führe daher leicht mal zu Frustration und Aggression unter den Tieren.

„Wolf wurde nicht ‚wieder angesiedelt'“

Nach der Habitat-Studie leben zurzeit 60 Wolfsrudel in Deutschland, was nach Meinung der Autorin einem Bestand von etwa 600 Tieren gleichkomme. Ärgerlich sei für sie die zum Teil reißerische und Angst schürende Berichterstattung in den Medien. Viele der Bilder gäben immer nur einen kleinen Ausschnitt wieder und ließen die gesamte Körpersprache der Tiere außer Acht. Auch die Bezeichnung „Wiederansiedlung“ sei nicht korrekt, da die Tier nicht angesiedelt worden seien, sondern sich ihren Weg zum Beispiel aus Polen oder Rumänien selbst gesucht hätten.

„Elli H. Radinger arbeitete nach dem Abitur zunächst als Flugbegleiterin, bevor sie Jura studierte und sich nach dem zweiten Staatsexamen als Rechtsanwältin niederließ. Nach fünf Jahren im Beruf hängte sie die Robe an den Nagel, um sich als Buchautorin ganz dem Schreiben und ihrer Leidenschaft, den Wölfen, zu widmen. Sie wuchs mit Hunden auf und sei von Wölfen schon immer fasziniert gewesen. Als sie diese 1991 während eines Ethologiepraktikums in ‚Wolf Park‘, einem amerikanischen Forschungsinstitut, näher kennenlernen durfte, verfiel sie dem ‚Wolfsvirus’“, so liest es sich in ihrer Vita.

Viele Jahre lang hat sie einen Großteil des Jahres in Wyoming und in Montana im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark verbracht, um wilde Wölfe zu beobachten. Ihrer inzwischen 13-jährigen Hündin Shira zuliebe hat sie dies zurzeit jedoch hintenangestellt. 15 Bücher hat sie bereits verfasst. Darüber hinaus gibt sie seit 1991 das „Wolf Magazin“ heraus, die einzige deutschsprachige Fachzeitschrift über Wölfe, das seit 2015 als kostenloser Newsletter zu beziehen ist und in dem sie über aktuelle Ereignisse aus der Welt der Wölfe, der Hunde und der Natur berichtet und exklusive Einblicke in ihre Bücher gewährt. Weitere Informationen über die Autorin und ihre Werke unter www.elli-radinger.de.

Fotos: Peter Müller

Sie müssen sich registrieren oder anmelden, um diesen Beitrag zu kommentieren.