Manege frei für Zeitgeist unterm Zirkuszelt – „Zirkus“ feiert Premiere

Theater Von Anke Schlicht | am So., 06.06.2021 - 19:14

CELLE. „Zirkus“, ganz einfach Zirkus, hat Intendant Andreas Döring sein jüngstes Stück, das am Samstagabend Premiere feierte, genannt. Ideengeber war sozusagen Circus Belly, der eines seiner Zelte zur Verfügung stellte als eine Spielstätte für den Celler Kultursommer. Was lag da näher, als das Thema aufzugreifen, anzureichern mit Musik, Tanz und einer Geschichte, und fertig ist die angekündigte poetisch-musikalische Revue? Ganz so einfach wird es nicht gewesen sein, in diesem Stück steckt Arbeit, sehr viel Arbeit – angefangen von den aufwendigen Kostümen – sehr gelungen von Anne Manss – bis hin zur Choreographie der einzelnen Tanzszenen von Fehmi Göklü, der ebenfalls eine hervorragende Leistung ablieferte. Einen noch wichtigeren Part in dieser Story um einen Zirkus, der seinen Betrieb einstellen muss, seine Akteure mittel- und ratlos und mehr oder weniger verzweifelt zurücklässt, sich aus der Not heraus jedoch neu erfindet, haben die Musiker, allen voran Tiana Kruskic und Moritz „Mutz“ Hempel mit der Band „The Urensons“, inne. Auch sie lösen ihre Aufgabe mit Bravour. Tiana Kruskic brilliert geradezu mit ihrer voluminösen Stimme gepaart mit einer außergewöhnlichen schauspielerischen Expressivität.

Inhaltlich getragen wird die Geschichte von den Schauspielern Dirk Böther, Fridtjof Bundel, Fehmi Göklü, Johanna Marx, Pia Noll, Anne-Kristin Schiffmann und nicht zuletzt Thomas Wenzel. Sie jonglieren zwischen das übliche Zirkusprogramm persiflierenden Szenen, Tanz und purem Theater hin und her. Es wirkt wie ein Stück im Stück, wenn Döring den letzten Vorhang für Dompteure, Zauberer und Clowns fallen lässt, das Firmenplakat „Liefer’s“ ausgerollt wird und nun das wahre Leben – härter denn je, Corona sei Dank – Einzug hält. Schluss mit Spiel, Akrobatik und Musik, phantasievolle, schmückende Kostüme werden ausgetauscht gegen quietschorange Jacken mit Logo drauf. „Gib mir ein Paket, ich bin eingescannt, ich muss in Bewegung bleiben“, fleht ein Mitarbeiter seinen Chef förmlich an, ihm Auslieferungs-Ware zu geben. Selbst ums Firmenfahrrad muss gerungen werden. Der Regisseur hat die heutige Arbeitswelt, in der der Mitarbeiter mehr Kostenfaktor als Mensch ist, eingefangen. Nicht erst seit Corona zeigt sie ihr hässliches Gesicht, doch die Pandemie hat die Misere noch verschärft. Döring baut Pandemie-Phänomene wie Zwischennutzungslösungen, die „Liefer’s“ darstellt, Masken, Visiere vor dem Gesicht, Desinfektionsflaschen und überdimensionierte Impfspritzen in der Hand eines Menschenaffen, der Kurs aufs Publikum nimmt, geschickt in die Handlung ein. Der Zeitgeist hält weitere Probleme bereit: Vereinsamung, Beziehungslosigkeit, Online-Datings anstelle eines Partners aus Fleisch und Blut, Verlust an Zwischenmenschlichkeit und Angst vor Jobverlust. In ausführlichen Monologen und Dialogen schildern die Protagonisten ihre tiefen Lebenskrisen und -brüche und läuten gleichsam an dieser Stelle das Problem der Inszenierung ein. Die Handlung ufert aus und der Erzählstrang zum mit Augenzwinkern und Leichtigkeit gestalteten Auftakt im Zirkusmilieu geht verloren. Auch wenn kleine Geschichten mit Themenbezug noch so eindrucksvoll von Johanna Marx in der Rolle einer Nachbarin vorgetragen werden, sie reichen nicht, um eine Klammer zu spannen zwischen dem Alltag eines Durchschnittsbürgers und dem umherreisender Künstler mit spezieller Tradition. Diese schimmert nie wirklich durch, aber sie hat wesentlichen Anteil an der ganz eigenen Form von Poesie, die Zirkus aus sich selbst heraus entfaltet. Wer ein Zirkuszelt oder auch nur ein Winterquartier besucht, betritt eine andere Welt, die Außenstehenden in ihrem Kern verschlossen bleibt. Das Stück nimmt Anleihen, baut sie jedoch in eine überkonstruiert wirkende, überbordende und einen roten Faden entbehrende Rahmenhandlung ein, die sich zudem verästelt in kleine Nebenschauplätze wie zu grabende Tunnel zur Sparkasse.

Die Lösung all ihrer Krisen und Probleme finden die Protagonisten in einer ungewöhnlichen Idee, die den Boden des Realismus wieder deutlich verlässt. „Wir machen einen Zirkus der Erlösung“, heißt es nach der Pause im dritten Akt, und damit beginnt für den Zuschauer die Reise in die Welt des Surrealen. Phantasiefiguren in weißen Overalls mit Corona-Schutz vor dem Gesicht und Hauben auf dem Kopf tanzen neben langhaarigen Gandolfs aus mystischen Sagen zu rockenden Beats, ein schwarzer Stelzenmann durchschreitet die Szenerie.  Die Stunde der Musiker ist nun gekommen, Tiana Kruskic besticht nicht nur gesangstechnisch, sondern im knappen roten Leder-Dress auch optisch. „A change is gonna come“, singt sie hymnisch, bevor sich fürs Finale auch Mutz Hempel mit „Coming Home“ singend ins Geschehen einbringt. Wer alles inhaltlich nachvollziehen konnte, kann sich glücklich schätzen. Aber dem Applaus nach zu urteilen spielt dieses keine allzu große Rolle. Der Funke ist aus der Manege in die Zuschauerränge übergesprungen. Das Publikum erhebt sich nicht durchgehend, aber zu einem großen Teil von den Plätzen und applaudiert begeistert.