Zwischen zwei Welten

Gesellschaft Von Redaktion | am So., 06.11.2016 - 11:21

Nach seiner Ausbildung in Hermannsburg zum Missionspfarrer wurde Frank Tiss Mitarbeiter einer lutherischen Kirche Brasiliens. Doch gehörten weder das Predigen noch Taufen zu seinen Aufgaben. In einem Team mit Brasilianern lebte und arbeitete er mit dem Regenwaldvolk der Kulina. Die Indigenen („Eingeborenen“) machten ihren Unterstützern deutlich, was ihr kulturelles wie physisches Überleben bedroht. Gemeinsam wurde nach Lösungsstrategien gesucht. Miteinander wurde entschieden, in welcher Weise sich die Kirchenvertreter bei der Umsetzung sinnvoll einbringen sollten.

So erzählt Tiss, wie er zunächst die Vermessung und schützende Umgrenzung des 7000 Quadratkilometer weiten Gebietes dieser Ureinwohner begleitete. Anschließend analysierte er ihre Sprache, bildete Dorfschullehrer aus und veröffentlichte eine Grammatik. Eine deutsche Ärztin wurde seine Frau und Mitarbeiterin. Tiss gab eine Zeitschrift auf Kulina heraus und half Dorfgemeinschaften, sich der Ursachen ihres Alkoholproblems klar zu werden. Erst später wirkte er theologisch – und zeigte den Kulina, dass vieles ihrer Lebenspraxis den Ideen der Bibel näher kommt, als es die christlichen Gesellschaften für sich in Anspruch nehmen können.

Anschaulich beschreibt Tiss z. B. ihre Solidarität und ihren Umgang mit Macht oder mit Eigentum. Fünfzehn Jahre verbrachte der Autor bei den Kulina. Was für ihn anfangs neu und befremdlich war, wurde zur Normalität. Schließlich kehrte er mit seiner Frau und drei Kindern nach Deutschland zurück. Nun verwunderte ihn hier so manches. Ob im Krankenhaus oder in der Versicherungsagentur, ob beim Einkaufen oder Renovieren, allerorts stolpert er über Verhaltensweisen, die uns selbstverständlich scheinen.

Mal mit einem Augenzwinkern, mal nachdenklich schildert er seine Erlebnisse und Beobachtungen: etwa, wenn er das Fernsehen mit der Urwalddroge Ayahuasca vergleicht, oder wenn er den Eindruck einer verrinnenden dem einer geschehenden Zeit gegenüberstellt. So gibt das Buch nicht nur Einblicke in den Alltag eines indigenen Volkes, die anders ausfallen, als es die Klischees über „Indianer“ erwarten lassen. Aus ungewohnter Perspektive blickt es auch auf unsere eigene Gesellschaft.

Frank Tiss: "Nach dem Regenwald ein Dschungel.
Fünfzehn faszinierende Jahre mit brasilianischen Ureinwohnern - und eine verwunderliche Rückkehr", erschienen im Oktober 2016 bei den Verlagen Mabase Verlag (ISBN 978-3-939171-50-8)
und Erlanger Verlag für Mission und Ökumene (ISBN 978-3-87214-556-7),
Preis € 15,00.

Frank Tiss, Jahrgang 1966, Abitur 1985 in Gifhorn, studierte von 1985-91 Theologie am Hermannsburger Missionsseminar, 1991-93 absolvierte er ein Vikariat in Uelzen und Ibirama (Südbrasilien), 1994-2009 bei den Kulina im brasilianischen Bundesstaat Amazonas. Seit 2009 lebt der Autor in Celle.